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Schwein gehabt!

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Kristof Grunert stellt unter dem Titel  „MastHave“ im Kunstverein aus

Nein, belehren oder anprangern will Kristof Grunert nicht. Das macht er zu Beginn des Gesprächs unmissverständlich klar. Der verwirrende Titel „MastHave“ sei auch kein Spaß, keine Blödelei. „Es ist mir ziemlich ernst mit dem Schwein“, sagt er. Räumt auf Nachfrage ein, dass Massentierhaltung natürlich sowieso kein Spaß ist.

„Vielleicht stelle ich mich in die Reihe mit den Humoristen“, sinniert er dann. Der Titel soll ein Wortspiel sein. – Man darf damit seine Schwierigkeiten haben. Mit den Arbeiten von Kristof Grunert hat man keine. Ist das Wort „MastHave“ ein Zwitterding aus aufgedrehten so genannten Influencerinnen, die uns einreden, dass man dies und das unbedingt haben muss (engl.: must) und dem deutschen Wort „Mast“, mit dem man sofort ankommt bei Tierqual, sind die Plastiken, Grafiken und Zeichnungen des Künstlers aus Dresden klare, anrührende, ehrliche und beeindruckende Arbeiten.

Noch bis zum 26. September 2021 ist die Ausstellung im Langhaus und der BBK-Galerie Oldenstadt geöffnet. Freitags und samstags von 15 bis 18 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Kristof Grunert wurde im Jahr 1977 in Dresden geboren. Er absolvierte eine Steinmetzlehre und studierte später an der Kunsthochschule Berlin/Weißensee Freie Kunst und Bildhauerei. Das Diplom datiert aus dem Jahr 2005. Der Aufenthalt in Schottland, an der School of Art Glasgow, schloss sich an. Im Jahr 2006 gewann Grunert den ersten Preis „Moderne Tierplastik“, den die Porzellanmanufaktur Meissen ausschrieb. Ein Jahr später vervollständigte der „Sächsische Skulpturenpreis“ der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz die Preisliste. Grunert unterrichtete Erziehungswissenschaft und Kunstpädagogik an der TU Dresden, war Gastprofessor auf der Burg Giebichenstein Halle und erhielt dort danach einen Lehrauftrag. Seit 2019 ist er Dozent für Anatomie an der Hochschule für Bildende Künste in seiner Heimatstadt. Was hier medizinisch klingt, ist jedoch auf eine künstlerische Basis zu stellen.

Kristof Grunert zeichnet auch mit seinen Studenten grundsätzlich „vor der Natur“. Die Zeichnung ist Vorstudie zur Plastik. Für die Schweine besuchte die Gruppe einen sächsischen Lehrbetrieb, in dem Forschung zu Tierhaltungsformen betrieben wird, und schloss persönliche Bekanntschaft mit dem Borstenvieh. „Mich interessiert das Thema Tier“, sagt Grunert, „ich wollte aber keinen Streichelzoo zeigen, sondern das, was sich in mir verdichtet hat zum Thema.“

Das Schwein betreffend, hat das frappierende Ergebnisse gezeitigt, auch wenn er eine Skulptur ein wenig respektlos „Leberwurstschwein“ nennt. Aber die „Kleine Sau“ aus Holz, mein persönlicher Favorit der Ausstellung, thront auf ihrem hohen Sockel, als wollte sie ein Denkmal für sich und ihre Artgenossen sein. Verschmitzter Blick, in dem alle Intelligenz liegt, die man Schweinen nachsagt, und eine Top-Figur!

„Es liegt mir fern, dem Betrachter eine Geschichte zu erzählen“, sagt Kristof Gruner. Das ist schade. Denn Geschichten erzählen heißt doch nicht zwangsläufig, irgendetwas zu oktroyieren. Aber die Kunst liegt und entfaltet ihre Wirkung sowieso im Auge des Betrachters. Und so meint man in der Zeichnung „Schlafender Eber“ das Wohlbefinden des Tieres zu erkennen. Was ausschließt, dass er in einer Massentierhaltungsanlage beobachtet wurde.

Grunerts Zeichnungen, auch einige Grafiken brachte er mit, leben von einer meisterhaften Linienführung, die Wesentliches unterstreicht. Sie sind trotz der Farbreduzierung auf Schwarz und Weiß (manchmal ein wenig Rot oder Grau) dennoch ein Naturschauspiel.

Das Schwein ist uns Menschen ja näher, als wir es vielleicht möchten. Das erste Insulin wurde aus Schweineinsulin entwickelt. Die Herzklappen des Tieres werden uns operiert. Es gibt keinen einzigen Grund, seinen Namen als Schimpfwort im Munde zu führen und es als Mitgeschöpf so zu behandeln, wie wir es tun.

Der Künstler bekennt, dass er „die Skulpturen vielleicht gemacht habe, weil ich nicht darüber reden wollte“. Überdecken sie also eine gewisse Sprachlosigkeit? Hilflosigkeit auch? Nein, sagt Grunert. Seine Schweine seien Abstraktionsstufen, unterschiedliche Ansatzpunkte, das Thema zu umkreisen. Und so gibt es die verschiedensten Tiere. Elegante und dickbäuchige. Scheinbar ausgeweidete oder auf die pure Form reduzierte. Manche sind figurative Bändigung, andere strömende Plastizität. Auch die Kleinen unter ihnen sind räumliche Erlebnisse.

„Bedarf es für die Hinwendung zum Tier überhaupt einer Begründung?“, fragte Vernissage-Rednerin Dr. Sophia Gräfin Grothe. Sie verneinte die Frage, weil „der Mensch nicht das Zentrum der Welt ist, so wie die Sonne nicht das Zentrum des Sonnensystems“ sei. Sie wandelte in ihren interessanten wie launigen Ausführungen kunsthistorisch zwischen Dürer und der Feststellung, dass es einige Tiere bei Malern besser getroffen hätten, beispielweise  die Taube oder der Löwe. Das Schwein hatte es schon immer schwer, mit Blick auf die drei großen Weltreligionen umso mehr.

Aber, so die Rednerin weiter: „Mit menschlichem und gestaltendem Verstand wird Grunert dem Tier gerecht; er ehrt es mit seiner Arbeit.“ Dass diese fröhliche Kreatur es endlich einmal verdient hat, darin  traf sie im Publikum auf Zustimmung.

Man kann sich durch die Ausstellung in Oldenstadt amüsieren lassen – so viel Schwein! Ich selber hatte stets einen Subtext im Kopf: „Nutztier“ oder Glücksschwein?

Aber Kunst vermittelt immer nur Selbsterkenntnis, gewährt sie durch einen anderen Blickwinkel. Sie ist eben ein Medium zur Reflexion – ein Vehikel zum Weltverbessern ist sie nicht.

Barbara Kaiser – 05. September 2021

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