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Klaviermatinee zum Abschluss der 6. Academy of Music/Winter

Den Chef hat es am Schluss niedergestreckt: Hinrich Alpers liegt mit 39 Fieber im Bett. (Gute Besserung!) Aber auch sein Kollege, Professor Bernd Goetzke, sagte: „Das wird hier eine relativ kurze Angelegenheit, wir gehen alle auf dem Zahnfleisch.“ Was war es aber auch für eine intensive Woche! Noch am Vorabend hatten neun der 24 eingeschriebenen

Haoran Liu (China)

Kursteilnehmer im Kulturgut Wienebüttel drei Klavierkonzerte aufgeführt. Die Zusammenarbeit mit den Lüneburger Symphonikern und Studierenden des Forums Dirigieren des Deutschen Musikrats erwies sich als eine fruchtbare und erfreuliche Angelegenheit. Auch die Musiker des Orchesters wären immer mehr aufgeblüht und am Ende hätten alle geleuchtet, beschreibt Goetzke das Konzerterlebnis.

Am allerletzten Tag luden sechs Pianistinnen und Pianisten noch einmal zu einer Klaviermatinee auf die Hinterbühne des Theaters an der Ilmenau.

Tomer Westman (Israel)

Es kam zwar nur ein kleines Publikum, das jedoch sollte an diesem eiskalten Sonntagmorgen nach 75 Minuten erquickt nach Hause gegangen sein. Weil: die Kürze einer Sache ja nichts über ihren nachhaltigen Eindruck sagt, den sie vermittelt. Und so erwiesen sich die romantischen Partituren in der Interpretation der Solisten als reiner Genuss.
Eigentlich waren es alles Zeitgenossen, deren Noten an diesem Sonntag erklangen. Nur Brahms (1833-1897) kann Beethoven (1770-1827) und Schubert (1797-1828) nicht persönlich gekannt haben.

Misaki Tampo (Japan)

Ansonsten gab es Schumann (1818-1856) und Chopin (1810-1849). Große Romantiker allesamt – und die vorvorletzte Sonate Beethovens, op. 110 As-Dur, ist sowieso eher schwer einzuordnen.
Haoran Liu (28) begann mit dem 1. Satz dieser in eher ungebräuchlicher Tonart stehenden Sonate. Es sollte auch eine Genesungs-Danksagung des Komponisten sein. Die Pianistin aus China hielt die Balance zwischen dem vorgeschriebenen „Moderato cantabile“ und „molto espressivo“, zwischen dem „gemäßigt gesanglich“ und dem „sehr ausdrucksvoll“. Sie behauptete die Spannung und vollbrachte eine Steigerung für diese schwierigen Noten, die ja für Beethoven, der sich nichts mehr beweisen musste, mehr Experiment und Gefühl als die Abarbeitung musikalischer Themen waren.

Tomer Westmann (23) aus Israel  spielte aus den Klavierstücken von Johannes Brahms op. 118 die Intermezzi a-moll und A-Dur und die Ballade g-moll.  Er gab das Moll schwer, nie jedoch zäh, das Dur leicht und schwebend, aber nie oberflächlich; mit dem Eindruck, er erfände die Noten gerade in diesem Augenblick erst. Die Ballade erzählend und eingängig phrasiert.
Misaki Tampo (23) aus Japan legte sich das Allegro h-moll op. 8 von Robert Schumann aufs Pult. Energisch und bedenkend, mal hüpfend oder schwelgend, fingerflink, aber nie donnernd.

Xinzhu Li (China)

Die zwei Nocturnes op. 48 von Frédéric Chopin interpretierte Xinzhu Li (26) aus China. Mit aller Zurückhaltung, Trauer vielleicht auch oder einem ganzen Batzen Heimweh, das Chopin in Paris nach seiner polnischen Heimat empfand. Mit einem sanften  Anschlag, der dennoch fordern und insistieren konnte. Oder schwärmen.
Der 1. Satz aus der Sonate A-Dur D 959 von Franz Schubert bekam durch Lucca Verdi Pires (21) eine brasilianische Handschrift. Das war ein ganz ungewöhnlich frischer Schubert. Nie sentimental, mit Pizzicato-Einsprengseln und schönstem Legato. An manchen Stellen fast triumphal.

Lucca Verdi Pires (Brasilien)

Den Abschluss bildete der Benjamin der Riege: Kaiyang Hu (13) aus China hatte von Franz Liszt die „Rigoletto“-Paraphrase mitgebracht. Nun ist Liszt ja ein großer Verführer mit seinen furios-exaltierten, chromatischen Läufen. Wie der seine Kollegen, in diesem Falle Verdi, bearbeitete, verleitete schon manchen am Klavier zum Renommieren. Kaiyang Hu gab sich Mühe, es nicht zu tun.

Kaiyang Hu (China)

Sein technisch brillanter Vortrag kannte keine Schwäche. Die Bearbeitung des Quartetts aus dem 3. Akt der Oper „Holdes Mädchen, sieh mein Leiden“, in dem der armen Gilda von ihrem Vater vor Augen geführt wird, was für ein Betrüger der Herzog ist, der gerade die Tänzerin Maddalena umgarnt, ist einfach nur virtuos. Kannte der junge Mann am Klavier jedoch auch den Text? „Armes Herz, du darfst nicht brechen/vor Verzweiflung, Gram und Schmerz.“ Aber das mit dem Gefühl wird sich bestimmt noch einstellen…

Es waren sehr hörenswerte 75 Minuten, die den schwarzen Hinterbühnenraum mit Glanz zu füllen vermochten. Damit ist die 6. Academy of Music/Winter Geschichte. Am 3. August 2023 geht die Erfolgsgeschichte aber weiter: Mit der 14. Academy of Music/Summer.

Barbara Kaiser – 19. Dezember 2022

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