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Mein Auto – Nachhaltig Uelzen

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In diesem Jahr ist es etwa 100 Jahre her, dass Henri Ford durch Fließbandarbeit die Autoproduktion in seinen Fabriken revolutionierte. Sein „Model T“ stieg nach dem Ersten Weltkrieg zum meistverkauften Auto auf und blieb es, bis der VW Käfer kam. Alle drei Minuten rollte ein Ford T vom Band, die Arbeitszeit schmolz von zwölfeinhalb Stunden auf 93 Minuten pro Auto. Charlie ­Chaplin karikierte die Fließbandarbeit in den Fordfabriken in seinem Film „Modern Times“. Auch nach der Arbeit konnte der Fabrikarbeiter Chaplin nicht aufhören, die Bewegung auszuführen, die er den ganzen Tag lang am Band machen musste.

Das Auto ist ein Symbol – vielleicht sogar das Symbol – für die „moderne“ Entwicklung unserer Gesellschaft. Es verspricht allen Menschen individuelle Mobilität und individuelle Freiheit. Egal wie groß die Unterschiede zwischen den Gesellschaftssystemen sind, „das Auto“ überbrückt alle Gegensätze. Im Westen (die Zeit der Revolution war vorbei, als der Arbeiter am Wochenende keine Zeit mehr hatte, weil er sein Auto putzen musste) im Osten (Stalin lud 1929 Henri Ford ein, um in der Sowjetunion eine Fabrik zu bauen, die am Fließband Autos produziert) und in allen anderen Teilen der Welt.

„Wer in HyperOne einkauft, muss ein Auto besitzen. Wie die anderen Malls, die rund um Kairo entstehen, liegt auch Hyper­One an einer achtspurigen Ausfallstraße (…)“ Am deutlichsten ist dieser Marktliberalismus zu beobachten, so Navid Kermani weiter, „in Saudi-Arabien, wo einerseits die strengste puritanische Auslegung des Islams herrscht, andererseits aber ein Glaube an Kapitalismus, Konsum und technischen Fortschritt, gegen den die FDP wie eine Partei von Altleninisten wirkt. Ausgerechnet neben der Kaaba [ein schwarzes, quaderförmiges Gebäude im Innenhof der Heiligen Moschee in Mekka; das zentrale Heiligtum des Islams] entsteht derzeit die größte Shopping-Mall des gesamten Mittleren Ostens. Alle Marken des globalen Konsumenten werden mit Filialen vertreten sein, von Benetton bis Daimler Benz. So groß sind die Dimensionen, dass sich das Heiligtum daneben wie ein Kinderspielplatz ausnimmt.“ (Navid Kermani in: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, S. 32)
Im Internet kursiert das Foto einer Gruppe von Jugendlichen, die in Amsterdam im Museum vor dem berühmtesten Gemälde Hollands sitzen. Unter dem Foto stand als Kommentar: „Jetzt weiß ich, dass die Welt zugrunde geht.“ Ich denke, dass viele von uns das Entsetzen, das aus dem Kommentar spricht, gut nachvollziehen können. Und wir selber? Wie steht es mit uns?

Aus dem Foto spricht die wohl tiefste Krise, mit der wir es gegenwärtig zu tun haben. Die Krise unserer Seelen. Wir sind alle gefangen in einer Welt von Konsum und Technik. Eine Welt, die uns Glück verspricht. Billiges Glück. Billiges Fleisch. Billige Flüge. Billige Kleidung. Billig auf einem Konsumtempel auf dem Wasser, auch Kreuzfahrtschiff genannt, die Welt sehen. Dieses System führt in den Untergang. Wir wissen es und kommen trotzdem nicht raus. Das nennen wir Sucht. Oder, in der Sprache der Bibel, Dämonie.
Wer süchtig ist, braucht eine starke Gegenkraft, um ausbrechen zu können. Diese Kraft ist nicht einfach zu haben. Alle Menschen, die in der Suchtberatung arbeiten, werden das bestätigen. Das Entscheidende ist, dass wir uns bewusst werden, wie tief wir in der Krise stecken und wie tief wir selber Teil des Problems sind. Wir müssen gut überlegen: Was ist Glück? Was macht das Leben lebenswert?

Noch einmal das Beispiel Auto. Müssen unsere Städte vom Auto beherrscht werden? Oder können wir uns die Innenstadt als Begegnungs- und Lebensraum vorstellen? Mit spielenden Kindern, mit Terrassen, mit viel Grün? Mit anderen Worten, wenn wir mit unserer Sucht brechen wollen, brauchen wir andere Bilder und andere Erfahrungen vom Glück.

[Gerard Minnaard]

Initia Medien und Verlag UG