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Feuilleton

Passions-Triple

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In St. Marien startete der Zyklus von drei Konzerten

Besinnung und Sich-Besinnen sind in diesen Tagen das vielleicht wertvollste Rezept für das allgemeine Innehalten und Nachdenken in der Passionszeit, die ja auf die Katastrophe des Karfreitags zustürzt. Erik Matz lädt aus diesem Anlass zu drei Konzerten. Das erste war „Crucifixus“ benannt und hatte Chormusik auf dem Programm. Zu Gast war das Hugo-Distler-Ensemble aus Lüneburg.

Die zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger aus der benachbarten Hansestadt sind eine vielfach ausgezeichnete Formation und trugen ihrem Ruf Rechnung. Mit einem glockenreinen Timbre von Beginn an, mit einer vorbildlich artikulierten Textverständlichkeit, die Fine-Töne stets sauber. Der Chor überzeugte mit beeindruckenden Crescendi, war im Piano atemberaubend, im Forte an keiner Stelle schrill.

So arbeiteten sich die Sänger durch Musikliteratur zwischen Barock (Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach), Romantik (Anton Bruckner) und Moderne (Arnold Mendelssohn und Hugo Distler). Der „Meininger Bach“, Johann Ludwig Bach, steuerte eine Motette bei und Antonio Lotti (1647 -. 1740) den Konzert-Titel gebenden achtstimmigen Chor.

Das Hugo-Distler-Ensemble beherrschte die Balance zwischen Leidenschaft und Respekt, stand mit seiner Interpretation sicher zwischen Tradition und persönlicher Anteilnahme. Gesungen wurde mit einer Schlichtheit, die dem jeweiligen Werk die Chance ließ, sich selbst zu offenbaren. Erik Matz führte den zu jeder Zeit vollpräsenten Chor ohne überbordete Gesten, wie es dem Thema der Konzertstunde zukam.

Die 60 Minuten wurden kongenial gestützt und ergänzt durch die Lesungen. Almut Roeßler am Pult artikulierte wohlgefällig, ohne falsches Pathos und unaufgeregt. Wie sehr die klug ausgewählten Text Gegenwärtigkeit, ja Aktualität projizierten – das wird jeder Konzertbesucher empfunden haben.

„Seht hin!“ lautete die eindringliche Aufforderung in den Versen von Friedrich Walz (1932 – 1984), die die Einsamkeit Jesu vor seinem Tod beklagen. „Weil Qual und Sterben auf ihn warten/ und keiner seiner Freunde wacht!“ Vom großen Aufklärer (neben Lessing) Christian Fürchtegott Gellert gab es die Ermahnung: „Ich will nicht Haß mit gleichem Haß vergelten…“ Wie vielen Politikern wünschte man in diesen Tagen  derlei Einsichten.

„Hilf uns armen Sündern zu der Seligkeit“, schloss der 4-stimmige Chor aus Heinrich Schütz` Matthäus-Passion das Konzert. „Kyrie eleison“ – „Herr, erbarme dich“. Es gibt in dieser Gegenwart mehr als genug Anlässe, um Erbarmen zu flehen, sich darum zu mühen…

Am Ende des Konzerts standen die Zuhörer schweigend, ehe sie beeindruckt und nachdenklich das Gotteshaus verließen. Das nächstfolgende Passionskonzert erklingt am Sonntag, 3. April 2022, 17 Uhr, St. Marien.

Barbara Kaiser – 13. März 2022

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