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Feuilleton

Ein Hesse in Niedersachsen

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Fotos Barbara Kaiser

Im Porträt: Alexander Hass, Leiter von Kultur-Tourismus-Stadtmarketing (KTS)

In Alexander Hass‘ Büro hängen vier großformatige Bilderrahmen. Zwei zeigen kontemplative Fotos: Ein kleines rotes Holzboot in eine Bucht aus Schilf gelehnt und die Großaufnahme eines Schiffstaus. In den anderen beiden Rahmen spreizt sich ein signiertes Fußballtrikot von Eintracht Frankfurt und lacht das Premierenplakat der Schifffahrtslinie „Aida“, des Kreuzfahrers mit dem Kussmund, den der Grafiker Feliks Büttner entwarf. Bewegt(e) sich sein Leben zwischen diesen Bildern? Alexander Hass ist seit 2019 der Chef des Städtischen Eigenbetriebs Kultur/ Tourismus/Stadtmarketing (KTS), einer Neugründung mit rund 20 Mitarbeitern und vielen Schnittmengen und Vernetzungen in alle Einrichtungen, die die Namensbegriffe mit Leben zu füllen versuchen.

Der Lebenslauf des im Jahr 1970 in Frankfurt/Main Geborenen ist viel länger als es die Lebensjahreszahl vermuten lässt. Aufgewachsen im Taunus, bekennt sich Hass zu seiner Hessen-Seele. Die Mutter führte ein Spielwarengeschäft, wo schon der Junge die neuesten Nintendo-Spiele promotete und mithalf. Der Vater war Touristik- und Marketingmitarbeiter einer Airline. Gelernt hat der inzwischen 54-Jährige im Hotelfach, organisierte aber auch schon als Jugendlicher Veranstaltungen. Zehn Jahre arbeitete er in Mexiko, Griechenland und der Türkei. Er war Moderator, Licht- und Tonmeister im Theater, in den 1990ern Entertainment-Chef auf der „Aida“ und zuständig fürs Bord-TV. Das aus dem DDR-Schifffahrtsunternehmen mit den Kreuzfahrern „Völkerfreundschaft“, „Fritz Heckert“ und „Arkona“ (das „Traumschiff“!) hervorgegangene Unternehmen boomte zu der Zeit. Spaß- und Familienurlaub war und ist die Devise.
Später wurde Hass von der TUI Hannover abgeworben und kam nach Niedersachsen. Nach der Tourismus-Phase, in der er ständig auf Reisen war, sehnte sich Hass nach mehr Ruhe. Wurzeln schlagen wollen wir alle irgendwann und irgendwo, auch wenn die Verwurzelungen unserer Heimat, da, wo man herkommt, nie gekappt werden. So verschlug es ihn nach Celle. Er arbeitete zehn Jahre für die Stadt, organisierte beispielsweise den „Tag der Niedersachsen“, als der in der Residenzstadt stattfand (2010). Fürs Stadtmarketing zuständig war er auch in Peine und Oldenburg/Holstein gewesen. Wegen Corona ein wenig untergegangen ist, dass er schon seit 2019 in Uelzen arbeitet.

Das Resümee dieser Vita ist die Erkenntnis: Da faulenzte einer also nicht und glaubte, auf nur einem Feld verlässlichen Halt zu haben. Nun ist Uelzen aber nicht die „Aida“. Die Leute haben nicht täglich Urlaub und sind nicht immer gut drauf. Ist ihm Uelzen nicht zu klein nach dieser Weltreise? Nach Erfahrungen mit Kulturen und Mentalitäten? „Nein, gar nicht!“, dementiert Hass. „Es ist wie maßgeschneidert, ich hab Kultur, Tourismus und Stadtmarketing, mein Lebenslauf führte auf alles das hin.“ Er dürfe all das machen, was ihm Spaß macht, versichert der Befragte. Mit so einem Grundlagenstudium fürs Leben scheint er also angekommen. Auch, weil ihm in der Welt, wo er vorher arbeitete, der „deutsche Spiegel“ vorgehalten wurde, wie er sagt. Und vielleicht sei er auch gar nicht der typische Deutsche, überlegt er. Im Gespräch mit ihm kann man das nur bestätigen: DennAlexander Hass bedient die Befürchtung von Alexander von Humboldt an keiner Stelle. „Am schlimmsten ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“, sagte der. Und wie Recht er vor 200 Jahren damit schon hatte, lässt sich mit jedem Vorurteil, jeder Abfälligkeit und jeder Selbstüberhebung von (nicht nur deutschen) Urlaubern belegen.

Alexander Hass ist offen und erscheint immer freundlich. Kennt er auch schlechte Laune? Vielleicht ist da manchmal ein bisschen zu viel Euphorie und lärmender Frohsinn, aber er ist
eben ein Macher. Dass er dafür Mittel zur Verfügung gestellt bekam, sie auch einwarb aus Fördertöpfen, mit denen er sich auskennt, macht ihm seine Arbeit leichter. Von solchen Geldern
träumten die Kämpfer für Kultur in dieser Stadt bis jetzt meist nur. Überrollt Hass die jetzt? – Er fühle sich „wahnsinnig wohl hier“. Und: „Jede Stadt hat ihre eigene Seele“. Wer die Seele von Uelzen noch sucht, sollte vielleicht die Arbeit von Alexander Hass beobachten. Obwohl ich meine, Uelzen hatte auf jeden Fall vorher schon eine (kulturelle) Seele. Genannt sei nur das große Engagement in Sachen Musik in St. Marien. Da waren die Holdenstedter Schlosswochen, da ist die Internationale Sommerakademie – beides strahlt(e) weit über die Region. Und vor allen Ehrenamtlichen im Kulturkreis, im Kunstverein und im Neuen Schauspielhaus kann man nur den Hut ziehen! Jetzt gibt es eine ganze Abteilung, die organisiert. Wird dieser personelle Aufwand ein Ergebnis zustande bringen, das ein Mehr an „Seele“, Lebensqualität, Aktionen hat?

Verbündete hat Alexander Hass gefunden in denen, die den Schnellenmarkt in ein „Kulturquartier“ verwandeln wollen. Ob das Vorhaben Bestand hat, es nachhaltig ist, wird man sehen. Am KTS-Chef wird es nicht gelegen haben, wenn es scheitert. Wo er lebe und sich engagiere, sagt Hass, sei für ihn Heimat. Dass er Räume viel größer fasst als den hiesigen Landkreis, ist nach diesem Lebenslauf normal. Im Herzen bleiben ihm Hessen und die alte „Eintracht“, für die er noch zwei Dauerkarten besitzt. Zuhause ist er im Landkreis Celle, wo er mit seiner Frau, die übrigensaus Mecklenburg stammt, lebt. Heimat sollte ihm demnach Niedersachsen, im besten Falle Uelzen, sein. Es bleibt zu wünschen, dass er nicht zu oft mit blutiger Nase vor allzu vielen Mauern steht mit seinen Ideen und Initiativen, die er für sein Aufgabengebiet hervorbringt. Dass die Uelzener mitziehen für eine liebenswertere, lebenswertere Stadt – weil sich bei der KTS und all den anderen Bereichen, mit denen Verzahnung und Zusammenarbeit versucht wird, viele an dem guten Eindruck der Stadt abarbeiten.
Und was ist nun eigentlich für den Chef „Kultur“? Alexander Hass antwortet auf diese Frage beinahe salomonisch, also auch ein wenig allgemein: „Auf meinen regelmäßigen Städtereisen zählen Museumsbesuche fest zu meinem Programm und spiegeln eine meiner persönlichen Sicht auf Kultur wider. Doch auch der Besuch in Theatern oder Besichtigungen von bekannten Gebäuden gehören für mich dazu. Diese Vielfalt verdeutlicht, dass Kultur weit mehr ist als nur Kunst und Geschichte; sie umfasst ebenso Unterhaltung, gemeinschaftliche
Ereignisse und das Erkunden neuer Orte. Kultur ist somit ein vielschichtiges Phänomen, das im Auge des Betrachters liegt und von jedem individuell erlebt und interpretiert wird.“ Auf jeden Fall hat dieser Mann eine Tätigkeit, über die schon Konfuzius sagte: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du musst keinen einzigen Tag in deinem Leben arbeiten.“ Alexander Hass ist in der glücklichen Lage, dass es bei ihm offenbar so ist.
[Barbara Kaiser]

Initia Medien und Verlag UG

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