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Uelzener Stadtgeschichte(n)

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Der Uhlenköper und Till Eulenspiegel – zwei Gestalten aus einer vergangenen Epoche

Wer war der Uhlenköper, dem man in Uelzen an der Marienkirche ein Denkmal gesetzt hat, und in welchen Zeiten mag er gelebt haben? Spontan fällt mir der Vergleich mit dem Eulenspiegel-Denkmal in Mölln ein. Dort findet sich in einer Nische des Kirchturms von St. Nicolai ein Gedenkstein des Jahres 1544, der den Schalk mit Eule und Spiegel zeigt. Der Mythos um ihn und seine zahlreichen Streiche habe sich über mehrere hundert Jahre gehalten, „wenn auch Nachweise seiner wirklichen Existenz schwer zu erbringen sind.“ Die Namen „Uhlenköper“ und „Ulenspegel“ enthalten ganz offensichtlich dasselbe Grundwort, dessen Bedeutung hier ermittelt werden soll. In Uelzen wie in Mölln meinten die Zeitgenossen der Hansezeit, im Namen das Symbol der Eule zu erkennen.

Eulenspiegel, der Schalk des Volksbuchs, hat zwei seiner Streiche in Uelzen verübt. So treibt er beispielsweise als Bäcker seinen Lehrherrn zur Verzweiflung, indem er seine Anweisungen allzu wörtlich nimmt. Ein Vergleich mit der Chronik des angesehenen Uelzener Kaufmanns und Ratsherrn Tile Hagemann, der 1549 zu schreiben beginnt, liegt nahe. Denn auch in einer weiteren Historie des Eulenspiegel-Buches werden wir nach Uelzen in das dortige Marktgeschehen versetzt, über das Hagemann zu wachen hatte. Es ging um den Ankauf und die Qualität von gewebten Leinen-Stoffen aus dem Wendland. Volksbuch und Hagemanns „Denkel Book“ behandeln das gleiche Thema.

Der Symbolik der Eule mit dem Spiegel bleiben auch spätere Ausgaben des Eulenspiegel-Buchs treu. 1532 folgt die Übersetzung des „Ulespiègle“ ins Französische. Das Wort „Espiègle“ ist bis heute in Frankreich umgangssprachlich. Der Held sei „schalkhaft, aber ohne Boshaftigkeit“. Ein englischer Autor nennt Eulenspiegel einen „peasant prankster (bäuerlicher Scherzbold) of German folklore.“
Doch was hat das Symbol der Eule sinnbildlich zu bedeuten? Sie gilt als Vogel der Weisheit. – Till ist an Intelligenz und an Humor den Verulkten überlegen.

Diese Bildhaftigkeit sollte offenbar den Lesern der Hansezeit bestimmte Eigenschaften und Begriffe vermitteln, und es stellt sich die Frage, wieweit dies nicht nur für den Helden des Volksbuchs gilt, sondern auch für den Lokalhelden in Uelzen, den Uhlenköper.

Über das Alter dieser Sage wissen wir zunächst nichts. Der Text findet sich in einer Stadtgeschichte des Jahres 1926: Ein Kaufmann aus Uelzen trifft einen Dorfbewohner aus der Nachbarschaft, der junge Eulen in einem Sack mit sich führt. Auf die Frage, was er denn da im Sack habe, antwortet der: „Barftgahns“ und will damit sagen, dass diese Vögel keine Schuhe tragen. Der Kaufmann verhört sich, versteht „Barkhahns“, also „Birkhähne“ und kauft sie dem Bauern als Delikatesse ab.

Zuckerfabrik Uelzen 1958
In den Fünfziger Jahren ist die Eule zum informellen Stadtwappen geworden. Foto: ©Mariella Runge, www.vgh.de/timo.kairies
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Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel, nach dem Druck von 1515, Hrsg.: Lindow, Wolfgang. 304 Seiten, 87 Holzschnitte ISBN: 978-3-15-001687-9), Stuttgart, Reclam, 2015

Auch hier findet ein Spiel der Täuschung mit Worten statt, wie wir es aus den Eulenspiegel-Geschichten kennen. Es liegt also nahe, einen entstehungszeitlichen Zusammenhang zwischen der Sage vom Uhlenköper und dem Volksbuch zu vermuten, das ebenfalls „lustige Streiche gegen wohlhabende Stadtbewohner“ enthält, „merry pranks against well-to-do townsmen“.

In der Sage vom Uhlenköper begegnen sich der Landbewohner und der „well-to-do townsman“ aus Uelzen und der Bauer erweist sich gegenüber dem Kaufmann überlegen, indem er so mit Worten spielt, wie wir es vom Eulenspiegel im Volksbuch kennen. Der Genarrte muss sich am Ende eingestehen: „Door hett een Uul seten.“ Der Bauer hat ihn vorgeführt. Für dieses „Vorführen“ gibt es den bildhaften Vergleich mit einer Eule. Aus dem holsteinischen Platt erinnere ich mich an den dort einschlägigen Ausdruck „ulen“. Dies bestätigte auch Jürgen von Hörsten, der noch altes Platt sprach. Auf die Frage, ob er die Redewendung „He will Di ulen“ kenne, bestätigte Hörsten, dass das Wort in seiner Mundart existiert.

Als Gemeinsamkeit ist festzuhalten: Im „Uhlenköper“ und im „Ulenspegel“ legt der Schalk es jeweils darauf an, Menschen, die ihm begegnen, mit Witz und geistiger Überlegenheit – gleich einer Eule – zu narren und vorzuführen. Diese Neigung wird namensprägend für die Geschichten, die man über sie erzählt: sei es in der Uelzener Stadtsage oder im Eulenspiegel-Volksbuch der Gutenberg-Zeit.

[Dietrich Wiedemann]

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