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Feuilleton

„Es ist nicht so schlimm, wie man denkt“

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Die Klaviermeisterklasse der Winterakademie ging online – eine neue Erfahrung

Hinrich Alpers sitzt mutterseelenallein im Uelzener Ratssaal zwischen zwei Computern, dem Flügel, Mikrofon und Drucker. Technisch hochgerüstet. Klaviermeisterklasse online. Ähnlich wird es bei Professor Bernd Goetzke im heimischen Arbeitszimmer aussehen. Alpers und Goetzke wollten trotz aller Widrigkeiten der Zeit die Winterakademie, schon einmal verlegt von Januar in den März, nicht ausfallen lassen. Schließlich fanden sich 14 Teilnehmer, die auch auf diese Art und Weise zu studieren wünschten. Über die Entfernung, per Standleitung.

Wenigstens gibt es das PC-Programm „Appassimo“ – es heißt sinnigerweise wie Beethovens berühmte Klaviersonate -, mit dem man den gesamten Frequenzbereich des Klavierspiels durch die Leitungen schicken kann; zusätzlich hat Hinrich Alpers Kopfhörer aufgestülpt und sagt: „Es ist nicht so schlimm, wie man denkt.“ Und wer ein Fan des Kopfhörermusikhörens ist, weiß, dass ihm nichts entgehen wird.

Der zugeschaltete Schüler ist Frédéric Otterbach, er sitzt in Würzburg. Die Noten kamen vorher per Mail, jetzt liegen sie ausgedruckt auf dem Pult im Ratssaal. „Ich kenne keinen, der diese 2. Klaviersonate von Michael Tippett je gespielt hätte“, sagt Alpers, freut sich aber offenbar über die Experimentierfreude.

Der britische Komponist Sir Michael Tippett, 1905 bis 1998, schrieb Opern, Orchester- und Chorwerke, Vokal- und Kammermusik. Sein bekanntestes Werk ist das Oratorium „A Child of Our Time“. Er engagierte sich sozial und politisch, war konsequent pazifistisch. Seine 2. Klaviersonate klingt manchmal wie ein glitzernder Ravel mit Dissonanzen.

Für Alpers ist das auch gleich Anlass, das 1962 entstandene Werk mit einem Exkurs durch die Musikgeschichte zu adeln, mit Erklärungen zwischen den Romantikern, Debussy, Schönberg und Stockhausen, und warum die Engländer eben zu dieser Zeit auch so komponierten und die (West)Deutschen auf gar keinen Fall. Es ist frappierend, wie er das macht, aus dem Stand, denn schließlich hatte er vor kurzer Zeit noch gar nicht gewusst, dass sein Schüler ausgerechnet diese Noten spielen würde.

Dann wird an der Partitur gearbeitet: „Haben Sie mal den Mut, die Sechzehntel nicht so wörtlich zu nehmen!“, fordert der Lehrer seinen Schüler auf. „Suchen Sie sich Bilder! Ich bin meist nicht so sehr auf der Suche nach anderen Instrumenten, ein Klavier klingt nun mal wie ein Klavier.“

Aber ein Bild darf es sein. Beispiel: Die Noten klingen wie ein Glockenspiel. „Wenn Sie dem Publikum einen Effekt präsentieren wollen“, erklärt Alpers, „müssen Sie sich vorher fragen, woher kommt der Klang.“ Woher also sollen die Glocken kommen? „Von oben, von hinten – und Sie dürfen sich nicht umdrehen…“ Vielleicht sind es Schneeglöckchen, möchte man als stiller Zuhörer einwerfen. Oder Himmelsglocken? Aber Anmerkungen verbieten sich natürlich, wenn man schon zu Gast sein darf im leeren Ratssaal. Schließlich erhascht man auch ein paar Töne live, wenn Hinrich Alpers was vorspielt oder Varianten der Noten anbietet. Man ist ja bescheiden geworden in seiner Gier auf endlich wieder Kultur!

Aber so hört man etwas über die Gefährlichkeit des Fortissimo, das einen sehr eckig treffen kann statt mit vollen Klang. „Da muss man technisch anders denken“, ist sich Alpers sicher, „der Effekt muss sein, es ist einem selber angenehm, so laut zu spielen.“

Am Ende lautet die Einschätzung nach dieser Doppelstunde moderner englischer Klaviersonate: „Es ist Ihnen schon gelungen, ganz eigene Charaktere zu schaffen.“ Es wird den Schüler im fernen Würzburg, der meines Wissens noch nie bei einer Sommerakademie war, gefreut haben, ein Lob zu hören. Und ganz viele Anregungen hat er auf jeden Fall auch mitnehmen können. –

Und für die Lauscherin war es wieder einmal sehr interessant, wie ein Stück erarbeitet wird. Welch mentale und geistige Leistung sich gesellen muss zu den technischen Fähigkeiten. Am Ende sollte es eine Summe sein, die wir Konzertbesucher genießen können. Denn wenn ein Interpret in die Falle des Fortissimo gelaufen ist, ist es kein Genuss. Das darf ich wohl aus einer langen, manchmal ziemlich leidvollen Erfahrung aus hunderten Konzertstunden sagen.

Die Winterakademie geht noch bis Ostern und darf leider kein Abschlusskonzert anbieten.

Barbara Kaiser – 30. März 2021

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