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Furioser Auftakt

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St.-Marien Sommerkonzerte 2021 starteten mit Christoph Schoener an der Orgel

Was für ein Auftakt der St.-Marien-Sommerkonzertreihe: Fast alle corona-erlaubten Plätze im Mittelschiff der Kirche besetzt, Christoph Schoener an der Orgel, und ein Programm zum Schwelgen und Staunen. Kantor Erik Matz freute sich angemessen, dass seine Konzerte, wie im vergangenen Jahr, wieder stattfinden dürfen (auf den November blicken wir jetzt besser noch nicht).

Christoph Schoener ist kein Unbekannter hier. Der ehemalige Hamburger Kirchenmusikdirektor von St. Michael, seit 2018 mit dem Titel Professor geschmückt, ist ein stets willkommener Gast. Schoener, Jahrgang 1953, studierte mit seinem Chor das wesentliche oratorische Repertoire zwischen Monteverdi und Bernstein, daneben unterrichtete er und konzertierte europaweit und in den USA.

Aber natürlich hat so ein Musiker auch ganz persönliche Vorlieben, und als eine solche benennt er die Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24 von Johannes Brahms. Eigentlich für Klavier komponiert, transkribierte es die kanadische Komponistin und Organistin Rachel Laurin (*1961) für die Orgel. Schoener mag dieses Stück Musikliteratur schon immer, „in meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit hatte ich gedacht, ich würde es nie stemmen“, sagt er im Gespräch, denn natürlich ist es nicht ganz einfach. Sogar Clara Schumann, die es auf dem Klavier uraufführte, merkte an, sie habe „es zitternd durchgestanden“.  Nur Wagner, der selber nicht in der Lage war, alle Stimmen seiner musikalischen Schöpfungen ins Orchester zu übertragen, gab sich wiedermal abgeklärt: „Man sieht, was sich in den alten Formen noch leisten läßt, wenn einer kommt, der es versteht.“

Dass Schoener vor zwei Jahren den Mut fand, sich daran zu wagen, ist nun Gewinn für sein Publikum.

Christoph Schoener aus Hamburg

Christoph Schoener aus Hamburg

Zunächst aber begann das Konzert mit Orgel-Rauschen:

„Zunächst aber begann das Konzert mit Orgel-Rauschen: Johann Sebastian Bach – Fantasia super „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“ (BWV 651) aus der Leipziger Originalhandschrift.“ Das einzige Stück in dieser Konzertstunde übrigens, das für Orgel komponiert wurde, die drei folgenden Nummern waren ursprünglich Klavierliteratur. Aber, so der Gast, er habe einfach mal Lust gehabt, diese Variationen über la Folie d`Espagne von Carl Philipp Emanuel, auf die Orgel zu übertragen. Bei der Toccata D-Dur (BWV 912) hatte Schoener dann die Hilfe von Max Reger, der schrieb die Partitur vom Klavier- bzw. Cembalosatz um auf die Königin der Instrumente.

Die Variationen vom Bach-Sohn wirkten manchmal ein bisschen verloren. Aber eingerahmt in der Programmfolge durch seinen Vater ist das vielleicht kein Wunder. Die Toccata kam forsch und eilig von der Empore, weil eine Toccata nichts für Schüchterne ist. Ein schönes gehendes Moderato, ehe das große Tableau zum Ende strebte.

Denn eigentlich waren alle diese Vorspiele die Vorbereitung auf den Brahms, der fast 35 Minuten in Anspruch nahm. Auf dem Klavier schafft man es fünf Minuten kürzer.

Die eingängige Aria, hergenommen aus Händels B-Dur-Suite von 1733, ist das Entree. Dann kann man die 25 Variationen, denen Christoph Schoener jeweils exzellente, durchhörbare Charaktere verleiht, mitzählen. Obwohl es manchmal nicht so klingt, durch synkopische Effekte zum Beispiel, behalten alle den Viervierteltakt bei, die meisten bleiben auch beim B-Dur.

So ist das Werk voller Dynamik, zwischen chromatischen Läufen, wallenden Crescendi und Pianissimi. Zwischen vermeintlichem Hörnerklang und Leierkastensound, bombastischen Clustern und zierlichen Tönen. Ab Variation 21 läuft alles schnurstracks auf die Fuge zu, die klangmächtig über die Zuhörer hereinbricht und im Fortissimo (beim Klavier: fff) schließt.

Diese Brahms-Variationen spielen in einer Liga mit Beethovens Diabelli- und Bachs Goldberg-Variationen. Sie sind ein Hörerlebnis. Der Solist war den Noten in jeder Hinsicht gewachsen. Er hielt alles diszipliniert klar und ließ sich nicht verführen durch den hochromantischen Rausch, der hier die Verbindung mit dem Barock sucht.

Am Ende gab es dankbaren Beifall. Auch dafür, dass im „Jahr der Orgel“ solch ein Auftaktkonzert möglich war und stattfand.

In einer Woche geht es leiser zu: Am Samstag, 10. Juli 2021, 16.45 Uhr, spielen Luisa Piewak und Simon Gutfleisch als Duo Sappitatti die Querflöte und Gitarre. Es erklingen Werke von Schubert, Pärt und Bizet.

Barbara Kaiser – 4. Juli 2021

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