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Feuilleton News

Mit Ernsthaftigkeit und Konzentration

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Zu Gast bei Proben der Sommerakademie

Zuschauer wissen ja nicht, wie es hinter den Kulissen zugeht. Sie haben keine Ahnung, welche Dramen sich abspielen, wie viel Geduld und Unnachgiebigkeit die Dozenten*innen praktizieren (müssen), um ihren Schüler*innen die Fertigkeiten und das Verständnis von Musik zu vermitteln, das uns später im Konzert so entzückt. Und wie viel Qual der x-te geprobte Lauf, ob auf den 88 Tasten des Klaviers oder den vier Seiten des Kontrabasses, bedeuten kann, wie viel Verzweiflung auch, wie viel Zweifel vielleicht, wenn man die eigenen Fähigkeiten sogar in Frage stellt. Unterricht ist immer ein Balanceakt. Zwischen angemessenem pädagogischem Insistieren bei gleichzeitiger Ermutigung und der Ermöglichung von erfahrenem Erfolg. Wie schnell ist die sprichwörtliche Flinte doch ins Korn geworfen.

Ich war zu Gast in der Kontrabassklasse um Professor Nabil Shehata, wo Ningwei Guo (25/China) den letzten Satz der „Suite im Alten Stil“ von Hans Fryba  (1899 bis 1986) übte.

Nabil Shehata mit Ningwei Guo

Meine Erinnerung an einen Mann mit Kontrabass reichen in die achte Klasse zurück. In der Instrumentalgruppe des Schulensembles strich Uli dieses Instrument. Uli war ein hübscher Kerl, aber recht klein, sodass er auch in der achten Klasse kaum am langen Basshals an die Stimmwirbel kam. Manchmal stellte er sich ein kleines Podest hin, zu eigenen körperlichen Erhöhung. Dann strich und zupfte er diesen großen Brummbär mit unnachahmlicher Lässigkeit. Auf jeden Fall sah der kleine Uli mit dem riesigen Bass sehr cool aus. Aber auch ein bisschen hilflos manchmal. – Wie souverän dagegen die beiden jungen Frauen das Instrument handhabten in der Aufführung des „Forellenquintetts“, hat mich fürbass erstaunt. Als ich Professor Shehatas Unterricht besuchte, waren die leider nicht da. Alles nur Männer.

Es ging mit großer Ernsthaftigkeit zur Sache. Das Stück schien sehr schwierig. Ganz schön schnell, die Finger tanzten über das ganze Griffbrett. Es ist unglaublich, was allein diese vier Saiten an Musik hervorbringen… Nabil Shehata ist, so scheint es, ein strenger Lehrer. „Ja, halbwegs“, nennt er den vorgespielten Abschnitt. Und als die Wiederholung offenbar besser klappt, fordert er mehr Geschwindigkeit. Und: „Spiel mal alles in Forte! Und nicht so hart, schön weich. Und die Synkopen ein bisschen länger!“ Der Professor spielt es vor und es klingt erstmal ganz anders. Ob der Schüler auch versteht, was er anders machen muss? Er versteht es, denn die gefühlt zwanzigste Wiederholung zeitigt das gewünschte Klangbild.

Nabil Shehata ist unerbittlich, aber sehr geduldig und freundlich. Ich selber könnte ihm nicht böse sein. Und auch Ningwei Guo verdreht die Augen nicht, sondern sieht aus, als wolle er das Wissen aufsaugen. Die Fähigkeiten erwirbt man eben nur durch die Übung.

„Mach nichts aus dem Handgelenk“, fordert Shehata, „mach`s mit dem Arm! Und jetzt noch Tempo!“ Ja, aus dem Handgelenk schüttelt sich kein Erfolg. Aber am Ende sind`s wohl beide vorerst zufrieden. Der Lehrer und der Student.

Simon Luethy mit Konzertmeisterin Roksana Kwasnikowska

Nebenan probt derweil das Kammerorchester „Wratislavia“ mit Simon Luethy den zweiten Satz des  G-Dur-Violinkonzerts von Mozart. Eigentlich hatte sich der 23-Jährige aus München auf das D-Dur-Konzert vorbereitet, aber das steht in diesem Jahr nicht auf dem Programm. Bei der Probe ist Konzertmeisterin Roksana Kwasnikowska nicht so streng wie Nabil Shehata nebenan. Sie fragt, ob es für den Solisten okay sei, was die Streicher als Begleitung anboten. Im Prinzip ja, aber ein paar Vorstellungen hat Luethy doch noch. Vor allem an den Lautstärken wird gearbeitet – und schon macht sich eine ganz andere Intensität der Interpretation auf den Weg. Klang es beim ersten Mal ein wenig beliebig, fast langweilig, kommt jetzt Spannung ins Spiel. Und dafür, dass Simon Luethy die Partitur erst seit fünf Tagen studierte, könnte man, wenn ein Musiker das überhaupt darf, zufrieden sein.

Simon Luethy

Zwei Abschlusskonzerte stehen außer den täglichen Mittagskonzerten bis Sonntag noch auf dem Programm der Sommerakademie. Dort müssen alle Solisten so spielen, dass man die harte Arbeit hinter der Leichtigkeit des Vortrags nicht bemerkt. Es sollte den Zuhörer berühren und verführen, und nichts darf nach Anstrengung aussehen und schon gar nicht so klingen. Aber das ist doch das Schwere und Schöne am Musikerberuf.

Barbara Kaiser – 11. August 2023

 

 

 

 

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