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Zwischen Ekstase und Stille

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Fotos: Barbara Kaiser

Symphonischer Ring 2022/23 mit Prokofjew und Sibelius beendet

Die Meckerecke gleich zu Beginn: Hätte sich Thomas Dorsch, der Leiter der Lüneburger Symphoniker, nicht auf seine burleske Kapricen am Dirigentenpult eingelassen, hätte er ein wenig mehr Sorgsamkeit auf die Lautstärke seines Klangkörpers legen können. Vielleicht müssen. Denn beim Klavierkonzert Nr. 3, C-Dur, op. 26 von Sergej Prokofjew, für das Hinrich Alpers am Flügel saß, hätte man (jedenfalls in der letzten Reihe) gerne vom Klavierpart mehr vernommen. Am Pianisten lag es nicht – hier ist der Dirigent in der Bringeschuld.

Der Symphonische Ring der Saison 2020/23 ging mit dem Gastspiel des Klangkörpers aus der benachbarten Hansestadt zu Ende. Als Warm-up erklang die Leonoren-Ouvertüre III von Ludwig van Beethoven, diese Musik zur Oper über die unerschütterliche Liebe, Gattentreue und Freiheitswillen. Aus der Düsternis ins Licht erhoben sich die Entree-Noten, die die Geschichte um Florestan und seine Gemahlin erzählen. Beethovens einzige Oper, „Fidelio“, verdient durchaus vier Vorspiele. Offenbar war der Komponist, der das Operngenre unbeackert ließ, nie so ganz zufrieden. Zufrieden konnte man mit dieser ersten Vorstellung des Orchesters als Zuhörer sein, auch wenn die ganz große Empathie für die beiden Liebenden ausblieb.

Das Klavierkonzert von Sergej Prokofjew ist brutal schwer. „Man kriegt das nicht geschenkt“, sagte Hinrich Alpers im Gespräch dazu. Zehn Mal war Alpers in den letzten 20 Jahren als Solist mit einem großen Klavierkonzert zu Gast im Symphonischen Ring. Man konnte diese Auftritte stets Sternstunden nennen. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an Rachmaninows 3. Klavierkonzert (2004) und an das von Robert Schumann in a-moll (2006). Damals war der Musiker 22 beziehungsweise 24 Jahre alt. Jetzt ist er 41 und Professor an der Musikhochschule Dresden. Da kommen Reife und ein Maß an Weisheit und Gelassenheit dazu. Aber: Er sei ja nicht der „ergiebige Prokofjew-Spieler“, bekennt er. Findet jedoch, dass diese Ekstase des Komponisten „wirklich bekömmlich, ohne seicht zu sein“ ist und stellt deshalb das Konzert eher in eine romantische Tradition als in die der Expressionisten. Weil wir eben alle auf den Schulter der Ahnen stehen…

Prokofjews Musik ist eine Wertschöpfung aus früher notierten Themen und Entwürfen, er arbeitete an seinem 3. Klavierkonzert zwischen 1917 und 1921 (Uraufführung). Sicherlich ist es kein Revolutionsfanal, wie es manche angesichts der Oktoberrevolution sehen wollen. Die Noten sind ein konzentriertes und fantasievolles Werk. Die musikalische Dynamik und die Kontraste sind erstaunlich. Um das pur, ungekünstelt und ohne Faxen zu spielen, die Essenz dieser Musik an den Zuhörer weiterzugeben, braucht`s den Könner. Hinrich Alpers ist ohne Frage ein solcher. 

Nach dem Andante (schöne Oboen) begann er das Allegro, das ein Sonatenhauptsatz ist, energiegeladen und enthusiastisch. Es rollte übermütig und mit einer atemberaubenden Chromatik dem Ende entgegen. Das Andantino von Satz 2 hat fünf Variationen, von denen drei sehr hochtourig daherkommen. Der Solist oszillierte zwischen Verlockung und Verführung und setzte wuchtige Ausrufezeichen, ohne brachial zu donnern.

Leider fehlte wie erwähnt dem Orchester die nötige Sensibilität für eine auch kammermusikalische Transparenz. 

Nach dem 3. Satz, der scherzoartig ist, hat Alpers Schwerstarbeit geleistet. Da war nichts steif oder unelegant und konventionell schon gar nicht. Beherzt und furios und mit gestalterischer Kraft absolvierte er diesen Prokofjew. Das Orchester blieb in den Tempi an seiner Seite, trotzdem blieb von dessen Seite im Zusammenspiel Luft nach oben.

Nach diesen aufwühlenden Noten wurde es ruhiger: Mit Jean Sibelius` 5. Sinfonie, Es-Dur, op. 82. Ob die Lüneburger die drei Sätze des Skandinaviers, die lang sind, nicht langweilig spielten – schließlich beschreiben sie die eher monotone finnische Landschaft – entzieht sich meiner Kenntnis, weil ich da schon beim nächsten musikalischen Angebot der Stadt war. (siehe Neues Schauspielhaus: Brecht-Weill-Programm).

Barbara Kaiser – 15. Mai 2023

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