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So viele Geschichten!

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Zur Kunstvereinsausstellung mit Bildern von Ting Zhang vom 04. Juni bis 02. Juli 2023

„Every breath you take (jeden Atemzug, den du nimmst)/ And every move you make (und jede deiner Bewegungen)/ Every bond you break (jeden Bund, den du brichst)/ Every step you take (jeder Schritt, den du machst)/ I’ll be watching you (ich werde dich beobachten).“

Was hier nach schwerem Stalking klingt, ist der Titel von acht Bildern in der neuen Ausstellung des Kunstvereins. Der Künstler Ting Zhang hat sich ein Lied von „The Police“ aus den 1980er Jahren ausgesucht und erzählt eine sehr persönliche Geschichte dazu…

Im Theaterkeller sind noch bis zum 02. Juli 2023 zwei Dutzend Gemälde des in China geborenen Malers zu sehen, die einen, das sei zugegeben, am Anfang ein wenig ratlos zurücklassen. Denn was finge man mit dem Gebäude einer Supermarktfiliale an oder der leeren Papiertüte einer anderen Kette? Oder was machen Panda und Wolf im Zwiegespräch, über ihnen der Nachthimmel, beleuchtet von ein paar Straßenlaternen? Dem Betrachter wären ein paar Geschichten hilfreich, die der Künstler zu erzählen hat vor seinen Arbeiten. Aber Ting Zhang ist der Meinung, dass „ein gutes Bild offensein soll“ für alle Arten der Interpretation. Weil eben jeder mit seinen ganz eigenen Geschichten herumläuft.

Ting Zhang Erstes Date

Ting Zhang wurde 1982 in China geboren. Gezeichnet und gemalt habe er schon immer, elterlich vorbelastet sei er nicht und seine Eltern seien eigentlich immer noch dagegen, dass er als Maler versucht, sein Brot zu verdienen. Mit 19 Jahren reist er nach Japan und lernt zwei Jahre lang diese Sprache, ehe er mit nun 21 nach Onomichi City – im Westen der japanischen Inseln, gar nicht so weit von Hiroshima – an die Universität ging. Dort wollte er eigentlich noch Grafikdesign studieren. Da jedoch alle Studierenden der Erstsemester sich ausprobieren sollten in allen Art und Weisen, Kunstwerke zu erschaffen, Bildhauerei, Malerei, Grafik und Zeichnung, stellte Ting Zhang fest, dass ihm die Malerei am meisten liegt. Auch sein Professor bestärkte ihn darin. In den Jahren 2004 bis 2010 erwarb er den Bachelor und Master Malerei an dieser Hochschuleinrichtung. Von 2012 bis 2015 studierte er noch Bildende Kunst an der HfBK Hamburg und schloss auch hier mit dem Master ab. Warum Deutschland? Die Niederlande standen auch zur Debatte. Nach Westeuropa jedoch ging der Weg, „um sich als Maler weiterzuentwickeln“, wie er im Gespräch sagt.

Seit über zehn Jahren lebt Ting Zhang nun in Norddeutschland und scheint sich wohlzufühlen, obgleich er Heimweh nicht bestreitet. Er beschickte zahllose Gruppen- und Einzelausstellungen zwischen Japan, Berlin, Hamburg und – Uelzen. Seine hiesige nennt er „Blue Pilot“. Über diesen Titel kann man philosophieren, jeder kennt die „Blaue Stunde“ oder wenn jemand „den Blues“ hat. Ist dieser „Blaue Pilot“ einer, der einsam irgendwo fliegt und auf der Suche ist? In dieser Stunden, in der es noch nicht Nacht ist, aber nicht mehr Tag? Wo die Melancholie anklopft oder deren größere Schwester, die Schwermut? „Blauer Pilot“ suggeriert Einsamkeit. Die Ting Zhang in einem zweiten Gespräch heftig dementiert; für ihn ist der „ Blaue Pilot“ die Freiheit. Bleibt zu hoffen, dass ihm dieses beliebte Wort, dieser imaginäre Zustand, auch den Broterwerb sichern wird in der Zukunft.

Aber vielleicht war Ting Zhang doch so ein Einsamer, als er sich Hals über Kopf in diesen Mitarbeiter des Supermarkts um die Ecke verliebte – er erzählt es freimütig und ohne Scheu – und ihn beobachtete. Ihn letztlich auch ansprach und ins Gespräch kam. Inzwischen ist dieser junge Mann mit seiner Freundin verheiratet – keine Chance also. Aber weil Ting Zhang malt, „was mein Herz bewegt“, hängen jetzt in der Ausstellung die acht Bilder mit dem Titel „„Every breath you take“. So habe er sich das Erlebnis auch „von der Seele gearbeitet“, sagt der 40-Jährige und nein, der junge Mann wisse nichts davon, dass er künstlerisches Sujet geworden ist.

Auf jeden Fall verbindet Ting Zhang jetzt diesen Supermarkt mit Helle, Sauberkeit und Freundlichkeit, mit sehr Persönlichem zudem, nicht mehr (das war im ersten Gespräch zwischen uns eigentlich Konsens gewesen) mit Massenproduktion, schlechten Arbeitsbedingungen, Mitarbeiterbespitzelung und kapitalistischer Ausbeutung. Und der junge Mitarbeiter, ein hübscher Kerl um die 30, bewegt sich, vertieft in seine Arbeit, in einer Art Wald, der die Distanz dieser Beziehung symbolisiert. Für den Farbtupfer sorgt das Paletten-Hebegerät in Orange. Manchmal erblüht alles Grün in diesem Dickicht – ein Hinweis auf die romantischen Gefühle des Malers? Manchmal steht der junge Mann ganz am Rand des Bildes – gleich wird er verschwinden, weil er die ihm entgegengebrachte Zuneigung nicht erwidern kann; auch, weil er nichts von ihr weiß.

Ting Zhang Jesus auf Esel

„Es geht immer um persönliche Eindrücke“, sagt Ting Zhang zu seinen Arbeiten. Aber: Siehe oben, ein Bild soll offen sein für Interpretation. Sicher ist jedoch eines: Der Maler liebt seine Menschen, auch wenn er sich (manchmal) distanziert, der Beobachter bleibt. Dafür bietet er eine Unmenge Details an. Nie ist sein Bild ausschließlich eins im Sinne nur des Abbildens von Gesehenem. Es kann auch eins des Erinnerns sein.

Auf dem Bild „Malerkolonie“ begegnet uns ein Klingelschild. Mit allen Verunzierungen, die so ein Schild trägt: Graffiti, Aufkleber, Schmierereien. In diesem Hause wohnen nach dem Willen von Ting Zhang er selbst und seine Kollegen Henry Matisse, Edvard Munch, Vincent van Gogh und Caspar David Friedrich… Dazu eine Sympathiebekundung für den HSV (dem das Fußballwunder nicht zu Hilfe kam beim Aufstieg!) und den Kiez-Klub St. Pauli. In der oberen linken Ecke fahren Panzer (er habe das Bild 2019 gemalt) – eine Erinnerung an den 30. Jahrestag der Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Ja, die Welt war auch 1989 größer als der deutsche Tellerrand!

Seit 2007 hat der Künstler auch die Porträtmalerei für sich entdeckt. Einige dieser Arbeiten hängen nur hier in Uelzen, weil sie danach wieder in den Privaträumen der Leihgeber verschwinden werden. Der „Vater mit seinen Söhnen“ wird dann beispielsweise nach Mallorca fliegen. Die Porträts sind etwas ganz besonderes und Ting Zhang bekennt einen langen Schaffensprozess. Natürlich müssen sich die Auftraggeber wiedererkennen, aber das Bild bleibt am Ende ein Kunstwerk und keine fotografische Abbildung. Wie Ting Zhang es schafft, eine Balance zu schaffen zwischen charakteristischem Ausdruck des Porträtierten und der eigenen künstlerischen Handschrift ist frappierend.

Ting Zhang Every breath you take

Damit muss man etwas sagen zum Stil der Malerei. Diese Ölbilder haben einerseits strenge Konturen und doch wieder nicht; Ting Zhang ist ein Stimmungszauberer des feinen Pinselstriches. Das ist besonders deutlich am Nachthimmel der beiden Bilder „Mai – Romantik“. Wäre es ein Foto, würde man es kitschig nennen, so rein und klar und unwirklich ist der Himmel. Und trotzdem wird diese Klippe geradeso umschifft – vielleicht liegt darin die Kunst des chinesischen Gastes.

Gehen Sie also, auch wenn die Versuchung da ist, nicht zu schnell vorüber an diesen Bildern. Ein zweiter und ein dritter Blick lohnen sich auf jeden Fall. Und viele Möglichkeiten, die eine oder andere Facette oder Begebenheit mitzudenken.

Geöffnet ist die Ausstellung im Theaterkeller bis 02. Juli, samstags von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 13 und 15 bis 18 Uhr. Gruppenführungen kann man anmelden bei Renate Schmidt: 0581/76675.

Barbara Kaiser – 03. Juni 2023

Initia Medien und Verlag UG

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