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Schutzschild für die Seele

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Foto: Depositphotos/dvoevnore

Resilienz bei Kindern und Jugendlichen stärken

Auch im vierten Jahr nach Beginn der Pandemie sind die Folgen für Kinder und Jugendliche noch lange nicht ausgestanden. Im Bekannten- und Kollegenkreis oder in der eigenen Familie – fast jeder kennt junge Menschen, die unter Schulangst, Mobbing und psychischen Problemen leiden. Wo bekommt man in solchen Fällen Hilfe? Und wie unterstützt man Kinder und Jugendliche dabei, Selbstvertrauen zu entwickeln? Dazu hat Barftgaans sich mit der Kinderärztin Dr. Mira Narwark-Pietzsch unterhalten.

Barftgaans: Leider ist es nach wie vor schwierig, Therapieplätze für Kinder- und Jugendliche zu bekommen. Familien wissen oft gar nicht, an wen sie sich wenden sollen. Was wären Ihre Empfehlungen, um schnell die passende Hilfe zu erhalten?

Dr. Narwark-Pietzsch: Die erste Anlaufstelle sind Kinderärztin oder -Arzt, die die Kinder meist schon länger kennen und gut feststellen können, welche Unterstützung nötig ist. Sie überweisen dann weiter, z.B. zum Kinder- und Jugendpsychiater, ambulanten Psychotherapeuten, Beratungsstellen oder stationären Einrichtungen.

Leider sind die Wartezeiten nach wie vor oft sehr lang. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, zunächst entweder eine voll- oder teilstationäre psychosomatische Reha zu machen, oder ambulant einen qualifizierten Coach oder Berater:in zu suchen, um schnell Hilfe zu bekommen.

Am besten wäre es natürlich, Kinder von Anfang an in ihrem Selbstvertrauen zu stärken, damit es erst gar nicht so weit kommt. „Resilienz“ ist hier das Zauberwort. Was genau ist damit gemeint?

Dr. N-P: Resilienz ist die psychische Widerstandskraft eines Menschen. Wer resilient ist blickt, optimistisch in die Zukunft, ist selbstbewusst und vertraut seinen eigenen Fähigkeiten. Dann kann man auch schwierige Situationen meistern und konstruktive Lösungen finden, zum Beispiel, wenn man von anderen geärgert wird, es Stress oder Streit gibt. Resilienz ist also wie ein Schutzschild für die Seele.

Wie können Eltern im Alltag die Resilienz ihrer Kinder stärken?

Dr. N-P: Gemäß dem Zitat „Ein Schiff im Hafen ist sicher, doch dafür werden Schiffe nicht gebaut“, müssen auch Menschen auf stürmischer See bestehen können. Um Kinder darauf vorzubereiten, brauchen sie die Gewissheit, bedingungslos geliebt zu werden von ihren Eltern und Bezugspersonen. Grundlage dafür ist ein wertschätzender Umgang auf Augenhöhe. Liebe darf niemals mit Leistung verknüpft werden, nach dem Motto: „Du warst vorhin nicht brav, also gibt es heute keine Gutenachtgeschichte.“

Das ist im Alltag sicher nicht immer leicht umzusetzen.

Dr. N-P: Das stimmt, viele Erwachsene müssen erst wieder lernen, sich selbst und andere Menschen bedingungslos anzunehmen und wertzuschätzen. Dafür ist es entscheidend, gut auf sich selbst zu achten, sich persönliche Freiräume und Erholungspausen zu gönnen und genügend Unterstützung durch das Umfeld zu bekommen. Dann können wir unser Zuhause zu einem sicheren Ort machen, wo Kinder und Eltern in einer positiven Atmosphäre ihre Akkus wieder auftanken können.

Jeder der Kinder hat kennt die unzähligen kleinen und großen Konfliktsituationen im Alltag. Wie kann man darauf am besten reagieren?

Dr. N-P: Das beginnt schon im Baby- und Kleinkindalter damit, dass wir versuchen sollten die Bedürfnisse unserer Kinder ernst zu nehmen. Das heißt nicht, dass jeder Wunsch der Kinder umgesetzt werden kann oder muss. Im Gegenteil, Frustrationstoleranz ist sehr wichtig für die innere Stärke. Aber das Kind muss spüren, dass es mit seinen Bedürfnissen gesehen und respektiert wird.

Ein konkretes Beispiel: Ein Kindergartenkind will trotz schlechtem Wetter unbedingt die dünne Jacke, statt der warmen Winterjacke anziehen. Wenn wir es einfach in die warme Jacke zwingen, vermitteln wir ihm damit: Meine Wünsche werden übergangen, was ich fühle ist nicht richtig. Das schwächt das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl.

Stattdessen könnten wir sagen: „Okay, vielleicht ist dir wirklich wärmer als mir. Zieh die dünne Jacke an, aber ich nehme trotzdem die Winterjacke mit, falls dir später kalt wird.“ Das Kind darf also seine eigenen Erfahrungen machen, ohne dafür bestraft oder missachtet zu werden.

Gibt es Unterschiede zwischen jüngeren Kindern und Teenagern? Gerade in der Pubertät gehen Jugendliche ja häufig auf Distanz zu den Eltern. Was kann man tun, um die Resilienz in dieser sensiblen Phase des Erwachsenwerdens zu fördern?

Dr. N-P: Im Grunde genommen ist es nicht anders als bei jüngeren Kindern. Auch Jugendliche wünschen sich, von ihren Eltern ernst genommen und respektiert zu werden. Sie brauchen keine Vorwürfe oder Strafen, sondern Erwachsene, die wirklich für sie da sind und ihnen zuhören, wenn es nötig ist.

Aber was ist in kritischen Situationen? Falsche Freunde, Partys, Alkohol?

Dr. N-P: Hier ist es erst recht wichtig, dass Eltern präsent sind und eine klare Position einnehmen. Haim Omer beschreibt diesen Ansatz als „Autorität durch Präsenz“. Statt Strafe, Härte und Distanz sollte man „nah dran bleiben“ und offen auch über unangenehme Dinge kommunizieren, aber auf der Basis einer intensiven, positiven Beziehung.

Zum Beispiel nach einer unerlaubten Party, von der der Teenager viel zu spät heim kommt, nicht einfach das Taschengeld streichen. Stattdessen lieber zur vereinbarten Zeit hinfahren und sein Kind auffordern, mit nach Hause zu kommen – ruhig, aber beharrlich. Das erfordert erstmal Mut, langfristig zahlt es sich aber aus, in guter Beziehung zu seinen Teenager-Kindern zu bleiben. Wenn Jugendliche merken „Ich bin meinen Eltern wichtig“ stärkt das ihr Selbstwertgefühl und sie geben besser auf sich acht.

 

Dr. med. Mira Narwark-Pietzsch

Dr. med. Mira Narwark-Pietzsch ist leitende Oberärztin der Rehabilitationsklinik für Kinder-, Jugend- und Familienpsychosomatik und Psychotherapie an der MEDICLIN Seeparkklinik in Bad Bodenteich. Zudem ist sie zertifizierter Kinder-, Jugend- und Familiencoach, horsesense® pferdegestützter Coach und Resilienztrainerin.

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