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Interview mit Dr. Tomas Müller-Thomsen zum Welt-Alzheimertag

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Etwa 1,6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz. Während die Krankheit früher oft verheimlicht wurde, kommen nun auch prominente Fälle an die Öffentlichkeit: Im August erst wurde bekannt, dass Fußballikone Gerd Müller, „Bomber der Nation“, mit 75 Jahren in einem Pflegeheim an den Folgen seiner Alzheimer-Erkrankung gestorben war. Das Uelzener Netzwerk Demenz will Erkrankte und ihre Angehörigen unterstützen, Demenzerkrankungen und davon Betroffene sollen stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Ein Mitglied des Netzwerks ist Dr. med. Tomas Müller-Thomsen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums Uelzen. Barftgaans-Autorin Sascha Fobbe hat mit ihm darüber gesprochen, wie man eine Demenz erkennt und welche Behandlungsmethoden es gibt.

Barftgaans: Herr Dr. Müller-Thomsen, Sie gehören zum Netzwerk Demenz, am 21. September ist der Welt-Alzheimertag. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?

Dr. Tomas Müller-Thomsen: Demenz ist der Oberbegriff für mehr als 100 Krankheiten, die zu Gedächtnisverlust, Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit, der Sprache, des Auffassungs- und Denkvermögens sowie der Orientierung führen. Alzheimer ist die häufigste Demenz-Ursache, 50 bis 60 % aller Demenzerkrankungen gehen auf Alzheimer zurück. Wichtig zu wissen: Nicht nur Ältere können an Demenz erkranken, auch Jugendliche können betroffen sein, das ist aber sehr selten.

Barftgaans: Das kennen sicher viele: Man geht in ein anderes Zimmer, weiß aber nicht mehr warum, oder verlegt seinen Schlüssel und findet ihn erst nach langem Suchen wieder. Ab wann muss man sich denn Sorgen machen, dass eine Demenzerkrankung vorliegen könnte?

Dr. Tomas Müller-Thomsen: Wenn die Vergesslichkeit länger anhält und stärker wird. Wenn man also z. B. auch vergisst, dass man etwas vergessen hat. Oder sich gar nicht mehr erinnert, dass man etwas verlegt hat. Wenn das gehäuft länger als sechs Monate anhält, sollte man sich an einen Arzt wenden. Viele wollen verständlicherweise nicht wahrhaben, dass sie alles vergessen, es ist ihnen unangenehm und sie versuchen, ihre Probleme zu verheimlichen. Da ist dann der Hausarzt wichtig, zu dem es oft eine Vertrauensbasis gibt. Viele Hausärzte sind inzwischen so gut geschult, dass sie eine Demenz diagnostizieren können. Im Zweifelsfall werden die Patienten an einen Neurologen oder Psychiater überwiesen.

Barftgaans: Wieso sind eigentlich Psychiater in die Behandlung von Demenzkranken involviert? Alles, was mit dem Gehirn zu tun hat, gehört doch zum Aufgabengebiet von Neurologen?

Dr. Tomas Müller-Thomsen: Es sind beide Fachrichtungen zuständig, weil aus der Demenz ja auch Verhaltensauffälligkeiten resultieren. Depressionen, Halluzinationen und Ängste müssen ebenfalls behandelt werden, auch medikamentös. Außerdem leiden besonders im Anfangsstadium viele Patienten unter einem Selbstwertverlust, sie nehmen ihre Krankheit sehr differenziert wahr. Einigen ist auch wichtig, dass angesichts des drohenden Vergessens Lebenskonflikte noch geklärt werden, hier können Psychiater unterstützen.

Barftgaans: So eine Diagnose will sicher keine gerne hören, da kann man die Scheu zum Arzt zu gehen, schon irgendwie nachvollziehen.

Dr. Tomas Müller-Thomsen: Mir ist ganz wichtig zu sagen, dass Vergesslichkeit ein Hinweis auf eine Alzheimer-Erkrankung sein kann, aber nicht muss. Manchmal bekommen Ältere falsche Medikamente, so können z. B. Schlafmittel Gedächtnisstörungen hervorrufen. Aber auch Probleme mit der Schilddrüse oder ein Vitamin B12-Mangel können die Ursache sein. Solche Sachen sind relativ einfach zu behandeln, und den Menschen geht es bald deutlich besser.

Barftgaans: Das Problem mit Alzheimer und den anderen Demenzformen ist ja, dass sie nicht heilbar sind.

Dr. Tomas Müller-Thomsen: Das stimmt, aber man kann viel tun, damit Demenzerkrankte möglichst lange aktiv am Leben teilhaben und zu Hause wohnen bleiben können. Es gibt Medikamente, die die Erkrankung aufhalten. Bei einem Drittel der Patienten wirken die Mittel sehr gut, bei einem Drittel einigermaßen, ein Drittel profitiert leider nicht davon.

Barftgaans: In den USA ist unter dem Namen Aduhelm gerade ein neues Medikament gegen Alzheimer zugelassen worden, ist das der Durchbruch?

Dr. Tomas Müller-Thomsen: Ich kann mir da kein Urteil erlauben, aber die Deutsche Hirnliga und die Initiative Alzheimer Forschung glauben das nicht. Der Wirkstoff Aducanumab ist zwar der erste, der sich gegen die Plaque-Ablagerungen im Gehirn wendet, die bei Alzheimer-Patienten zu sehen sind. Es ist aber noch gar nicht wissenschaftlich bewiesen, ob diese Plaque-Ablagerungen die Ursache für die Krankheit sind. Zudem kann auch Aduhelm Alzheimer weder heilen noch den Krankheitsverlauf stoppen, lediglich verzögern. Die Zulassung in den USA war schon umstritten, und der Hersteller muss noch eine weitere Studie durchführen, die den Nutzen von Aduhelm belegen soll.

Barftgaans: Das Netzwerk Demenz weist besonders darauf hin, dass Beratung und soziale Betreuung auch von Bedeutung sind, wenn Angehörige erkrankt sind.

Dr. Tomas Müller-Thomsen: Ja genau, es ist wichtig, das Umfeld aufzuklären und z. B. die Angehören zu schulen, damit sie nicht verärgert reagieren, wenn der oder die Erkrankte immer dasselbe fragt. Menschen mit Demenz dürfen auch nicht überfordert werden – es gibt Patienten, die mit Ende 50 in Rente gehen, weil sie den beruflichen Stress nicht mehr verkraften. Genauso wichtig ist aber auch, dass sich die Angehörigen nicht selbst überfordern. Ich kenne viele Fälle, in denen die Ehefrauen und Ehemänner sich liebevoll viele Jahre um ihre Partner kümmern. Das ist aber auch anstrengend, deshalb ist es wichtig, sich Freiräume zu erarbeiten und sich z. B. regelmäßig mit Freunden zu treffen. Es hilft, sich dafür Strukturen zu erarbeiten – so können Erkrankte z. B. einen Tag pro Woche in die Tagespflege gehen oder andere Verwandte, Freunde und Nachbarn kümmern sich solange. Hier sind wir Psychiater übrigens auch gefragt, wenn es darum geht, Angehörige zu begleiten, die überlastet sind oder selbst unter Depressionen leiden. Wer sich näher informieren will, kann das im Netz unter https://www.senioren-in-uel zen.de/demenz oder am 23. September anlässlich des Welt-Alzheimertags bei der Telefonaktion „Demenz – genau hinsehen!“

Dr. med. Tomas Müller-Thomsen,
Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie
(Ärztlicher Leiter MVZ)
Foto: Jochen Quast

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