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Feuilleton

Hellsichtig und unterhaltend – Ein vergessenes Buch und Porträts der Weimarer Republik

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„Es war nicht Laune, Spiel mit dem Incognito eines verwöhnten Herrn, was ihn in dunkle Abenteuer verstrickt werden ließ, es war nur Angst, blinde und panische, besinnungslose Angst vor einem Schicksal, das ihm unentrinnbar schien. Weshalb er es feig und gefügig über sich verhängen ließ. Wie Tausend andere. Hunderttausend andere. Millionen. Sie leben und sind doch schon tot. Gestorben an der großen Krankheit ihrer Zeit: Der Angst vor dem, was kommen wird …“

Maria Lazar, 1895 in einer großbürgerlichen jüdischen Wiener Familie geboren, war eine hellsichtige Schreiberin, als sie ihr Buch „Leben verboten“ verfasste, aus dem das Zitat stammt. Ahnend, was kommen würde, aber auch für folgende Generationen festschreibend, was passieren kann, wenn der Mensch zur Ware wird. „Leben verboten“ erschien in einer Exilausgabe 1934 in London. Im Jahr 1937 folgte der wichtigste Roman von Lazar, „Die Eingeborenen von Maria Blut“, publiziert in der in Moskau erscheinenden Exilzeitschrift „Das Wort“, die Brecht, Feuchtwanger und Willi Bredel herausgaben. Der Roman, der als ihr Hauptwerk gilt, schildert das Heranreifen des Nazismus in Österreich. Vergeblich bot die Schriftstellerin es österreichischen wie Schweizer Verlagen an. Ein Schweizer Verleger schrieb ihr einen begeisterten Brief darüber, doch könne er die Herausgabe nicht riskieren, schon aus dem Grunde, „weil der Markt dafür zu eng geworden wäre.“ So ihre Schwester Auguste später, als sie den Roman 1958, zehn Jahre nach dem Freitod Maria Lazars, in der DDR herausgab.

Maria Lazar war eine engagierte Publizistin seit den frühen 1920ern. Als sie 1930 zum Pseudonym Esther Gronen greift, stellt sich auch literarischer Ruhm ein, ein Erfolg, der durch Hitlers Machtantritt ein Ende findet. Aufgrund des repressiven Klimas verlässt sie schon 1933 mit ihrer Tochter Österreich und geht zunächst gemeinsam mit Helene Weigel und Bertolt Brecht nach Dänemark. „Leben verboten“ ist ihr erster Exilroman.

Worum geht es: Der Bankier Ernst von Ufermann aus Berlin muss für einen Geschäftstermin nach Frankfurt fliegen. Im Gedränge am Flughafen werden ihm Geld, Pass und Ticket gestohlen. Was eigentlich Glücksfall sein könnte, weil das Flugzeug später abstürzt, ist der Beginn eines Alptraums. Ufermann ist eigentlich tot, obgleich er lebt und lässt sich aus Angst – nach Hause kann er nicht, weil sein Teilhaber mit der millionenhohen Lebensversicherung, die die Gattin ausgezahlt bekommt, die Firma rettet – für dubiose Aufträge einspannen, führt ein Leben unter falschem Namen … Ufermann ist aber eigentlich nicht der Einzige, der nicht leben dürfte, das ist eins der Hauptmotive des skurrilen, rasant geschriebenen Romans, der aktuelle Ereignisse einflicht. Die 323 Seiten sind also nicht nur Erfindung, sondern auch Zeitgeist, Atmosphäre, die sinnlich erfahrbar gemacht wird, und politische Weitsicht. Dem Wiener Kleinverlag „Das vergessene Buch“ sei also Dank, dass er sich der Autorin annahm.

In derselben Zeit siedelt das Buch „Fieber“ von Peter Walther. Im Untertitel heißt es „Universum Berlin 1930 - 1933“ und beschreibt die Endphase der Weimarer Republik mit einem ganz besonderen Blick, nämlich durch die Brille von Porträts. Deren Bild stützt sich auf eine Unmenge von Material: Tagebücher, Briefe, Autobiografien, Zeitzeugenberichte. Das Ganze liest sich trotzdem nicht wie ein Geschichtsnachschlagewerk, sondern wie ein turbulenter, exzellent verfasster Roman. So erfährt der Leser viel über die Charaktere der Politiker oder Scharlatane und die Motive ihres Handelns. Deutschland treibt der Katastrophe entgegen. Im März 1930 wir Heinrich Brüning Reichskanzler; er übernimmt drei Millionen Arbeitslose und 20.000 Firmenkonkurse. Nach vier Monaten nur muss er den Reichstag auflösen und Neuwahlen ansetzen, denn Krawalle im Reichstag gehören zur Tagesordnung, auf den Straßen eskaliert die Gewalt, Massenelend ist kein Wort aus dem Wörterbuch … Welche Personen in dieser Zeit Strippen ziehen, nach oben gespült und hinweggerissen werden – das erzählt der Autor auf sehr spannende Weise. Wir erfahren etwas über Hanussen, Ernst Thälmann, Franz von Papen oder Maud von Ossietzky.

Am Schluss noch die Krimiempfehlung von Volker Kutscher. Die mit Kommissar Gereon Rath aus dem Berlin der 1930er Jahre, der in „Marlow“ seinen siebten Fall ermittelt. Immerhin sind die Bücher größeres Kino als die TV-Serie „Babylon Berlin“, die kaum etwas mit ihrer Vorlage zu tun hat! Der Kommissar ist inzwischen Oberkommissar und von der Mordabteilung ins Berliner LKA gewechselt. Dort ist nicht mehr Gennat sein liberaler Chef, sondern der stramme Nazi Nebe. Und in der Ehe mit Charly kriselt es auch heftig, zumal sich die politischen Ansichten diametral auseinander entwickelten. Der achte Fall ist übrigens schon für November angekündigt: Es wird um Mord während der Olympischen Spiele 1936 gehen.[Barbara Kaiser]

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