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Feuilleton

Die Hälfte des Lebens – Ein Glückwunsch zum 40. Geburtstag von Hinrich Alpers

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„Ich weiß gar nicht, ob ich ‘Bilanz ziehen’ überhaupt kann“, antwortete mir Hinrich Alpers auf meine Frage, ob er Gedanken in dieser Richtung bewege. Schließlich ist die 40 eine Zäsur, die Hälfte des Lebens für jemanden, der gesund bleibt. „Das Leben rauscht ja tagtäglich so weiter, und ich fühle mich nicht nur noch gar nicht so im rechten Alter zum Zurückschauen. Zudem finde ich den Corona-Moment irgendwie nicht den passenden Moment, innezuhalten; und beides muss man wohl, um Bilanz zu ziehen?“ Es sei keine Antwort aus Verlegenheit oder Koketterie, versichert der Pianist, aber das Thema Lebensbilanz habe einfach bis jetzt noch keinen Platz genommen bei ihm.
Mein Archiv macht beim Stichwort „Alpers“ zahllose Artikel auf, was kein Wunder ist, denn ich kenne den Musiker seit mehr als 20 Jahren. Als wir uns das erste Mal in seinem Elternhaus in Stadensen trafen, saß er neben dem zum Abitur geschenkten Orangenbäumchen, die Teetasse in der Hand und sprach über die Erwartungen, die er an das Leben haben würde.

Er erzählte über die Menschen in den Ländern, in denen er bereits zu Gast war, und manchmal kam man – zugegebenermaßen – selber eher selten zu Wort. Aber das Zuhören machte Spaß. Weil da ein junger Mann vorurteilsfrei und mit einer großen Nachdenklichkeit über die Welt redete, über Vergangenes wusste und Entwicklungen sah – auch befürchtete – wie man das so von einem jungen Menschen nicht unbedingt erwartete. Von einem Musiker obendrein nicht, der ja oft im Elfenbeinturm seiner Kunst lebt. Bei Hinrich Alpers war das immer anders.

Schon damals war klar, dass der junge Künstler eine Karriere lieber Stein auf Stein bauen wollte als vielleicht nach einem rauschenden Erfolg abzustürzen. Erfolge gab es zu diesem Zeitpunkt schon. Und eines fiel im Interview auf: Da redete kein 19-Jähriger mit Flausen im Kopf, der zuerst die Welt sehen wollte, ehe der sogenannte Ernst des Lebens, sprich Studium, Arbeit, Familie, über ihn hereinbrechen würden. Der mit „Travel & work“ mindestens nach Australien musste oder nach Neuseeland um sich selbst zu finden. Hinrich Alpers war längst bei sich. Er bestätigt bis heute „eine gewisse Diskrepanz“ zwischen gezählten Lebensjahren und gefühltem Alter; er war immer ernsthafter als Gleichaltrige. „Ob mein inneres und äußeres Alter von nun an in sanftem Einklang aneinander her gleiten – ich bin ganz gespannt, wie sich das so tut“, überlegt er dann doch.

Hinrich Alpers wird im August dieses Jahres 40. Und das musikinteressierte Publikum dieses Landkreises hat ihn groß und erwachsen werden sehen, hat sich über seine Erfolge gefreut – die allerersten bei „Jugend musiziert“ und Auftritte, die ihm Kantor Eginhard Köhler ermöglichte – und seine Projekte bestaunt: Die Aufführung der 32 Beethoven-Klaviersonaten, das Ravel-Gesamt-Klavierwerk, den schwierigen John Cage zu dessen 100. und die Liszt-Transkriptionen für Klavier der neun Beethoven-Sinfonien. Es hat ihm gratuliert zu zahllosen Preisen: Dem Kulturpreis des Landkreises, dem Opus-Klassik, dem ersten deutschen Sieg beim Internationalen Telekom Beethoven Competition. Die Presse in Bonn war damals überschwänglich und nannte ihn einen Spieler mit „enormer Sogkraft“, einen „exzellenten Techniker“ und einen „intelligent gestaltenden Teamplayer“. Wir, die wir ihn näher zu kennen meinen, könnten hinzufügen, dass er auch ein genialer Organisator und Moderator, einfühlsamer Kammermusiker und Pädagoge, liebender Ehemann und Vater und – hoffentlich – dankbarer Sohn ist. Für die International Academy of Music, die in diesem Jahr den 12. Jahrgang erlebt, muss er das alles sein. Dafür ist ihm die Achtung und Anerkennung seines Publikums sicher, vor dem er immer selbstsicher auftritt.

Aber welche Verluste schleppt man mit 40 durchs Leben? Stößt man sich manchmal an fremden und eigenen Grenzen wund? Hinrich Alpers scheint einer zu sein, der Lösungen finden will und nicht Probleme definieren. Jung ist, wer aus der Fülle seiner Möglichkeiten lebt. Ist man mit 40 noch jung genug dafür? Eigentlich macht man Erfahrungen ja nur als Verlierer. Es sieht so aus, als sei der Musiker immer nur Sieger gewesen. Aber das sieht eben nur so aus. Offenbar hat er aber seine Balance gefunden. In der Musik und der Arbeit für sie. In seiner Familie. Und Balance, ein paar Gewissheiten, aber auch angemessenes Infrage-Stellen sind doch eine gute Bilanz aus vier Jahrzehnten Leben. Herzlichen Glückwunsch!

[Barbara Kaiser]