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Mit Intensität – Hendrik Lücke gastierte in der Kulturbühne Ebstorf mit Loewe-Balladen

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Hendrik Lücke gastierte in der Kulturbühne Ebstorf mit Loewe-Balladen

Die Zugabe entsprach seinem Naturell schlussendlich am besten. Der Tenor Hendrik Lücke sang, was jeder mit seinem großen Kollegen Joseph Schmidt verbindet: „Ein Lied geht um die Welt“. Und es ist dankenswert, dass der Gast in der Kulturbühne Altes Lichtspielhaus Ebstorf an den 80. Todestag Schmidts erinnerte. Der faszinierende österreichische Kammersänger wurde 1933 als Jude von den Nazis ins Exil getrieben, wo er 1942 (im Jahr der Wannsee-Konferenz!) den vielen Strapazen erlag. Geboren worden war er 1904.

Eigentlich aber gastierte Hendrik Lücke mit Carl-Loewe-Balladen. Das Ungewöhnliche an diesem Konzertabend: Lücke saß auch am Flügel, war also sein eigener Begleiter. Und das erwies sich als Dilemma, weil Klavierbegleiter und Sänger eine fragile Einheit in Balance sind, es jedoch nicht ausgemacht ist, dass, sind diese Beiden in einer Person vereint, es genauso im Gleichgewicht zugeht. Denn diese Tatsache machte die Abstriche aus, die nach dem Abend zu notieren wären – dass Sänger und Begleiter nicht immer in Balance waren.

Außerdem bräuchte es als Lied- zumal als Balladensänger des Interagierens mit dem Publikum. Weil Hendrik Lücke aber auf komplizierte Noten und Text fokussiert sein musste, blieb diese freundliche Komplizenschaft total unterbelichtet. Das ist mehr als schade, denn der Sänger und Schauspieler war ein kundiger und charmanter Moderator zwischen den Liedern.

Carl Loewe ist der ungekrönte König der Balladenkomponisten, der Klassiker. Die Kunstballaden, wie sie sich im Sturm und Drang entwickelten (man erinnere sich an das „Balladenjahr“ 1797, das Goethe und Schiller im Wettstreit erlebte), wurden im 19. und 20. Jahrhundert durch Fontane, Droste-Hülshoff und Mörike fortgeführt. Die musikalische Ballade wurde von Carl Friedrich Zelter als Genre entdeckt – nach Dichtungen von Herder, Bürger, Goethe – erlebte ihre Blüte bei Schubert. Wenn da nicht auch Carl Loewe gewesen wäre. Im Jahr 1796 bei Halle/Saale geboren, studierte er ebendort und reüssierte schon mit 21 Jahren mit einem vollgewichtigen Opus 1, dem die zwei bedeutendsten Balladen bereits angehörten: „Der Erlkönig“ und „Edward“.

Die Vorträge dieser beiden waren es auch, die den Abend trotz des genannten Mankos unwiderstehlich intensiv machten. Hier hatte Hendrik Lücke seinen manchmal etwas brachialen Anschlag am besten im Griff, hier wusste er zu differenzieren und zu gestalten. Er brachte den Zuhörern die kühne Chromatik nahe, mit der der Komponist die Schrecknisse der Nebelnacht des „Erlkönigs“ zeichnete, verlor sich nicht zu sehr in den malerischen Details, schuf Vertrauen mit dem Rhythmus des Reitens, das jedoch mit punktierten Achtelnoten bald jagend und Furcht einflößend wird. Düster, schmerzhaft und ohne Trost die letzte Zeile in – Moll.

Genauso grausig und unheimlich, eben „balladeske“ Stimmungen zeichnend, die Loewes musikalische Fantasie so einzigartig machen, der Vortrag von „Edward“. Die Geschichte eines jungen Mannes, der, wie sich herausstellen wird, auf Geheiß seiner Mutter, seinen Vater erschlug. Das war Psycho vom Feinsten!

Kontrapunkt dazu „Die Uhr“, die bei Hendrik Lücke nicht über die Maßen sentimental interpretiert wurde, was dem Stück gut tat, oder „Süßes Begräbnis“, eine Inkarnation der Schlichtheit, Einfachheit und musikalischer Schönheit. Ein bisschen viel Dramatik besaß hingegen „Archibald Douglas“, aber Textgeber Fontane war als Balladendichter sowieso einer, der es gerne übertrieb, dem trugen Loewe und auch Lücke offenbar Rechnung.

Es war eine gute Idee des Sängers, seinem Publikum die Texte an die Hand zu geben, denn nicht immer war Lücke textverständlich. Auch weil das Klavier oft zu prominent renommierte. Vokal fehlte in den Tiefen manchmal die Überzeugung. Aber Lücke ist halt Tenor. Der bekanntlich fast alle Herzen bricht. Und so hatte das Publikum am Ende für seinen Applaus durchaus viele gute Gründe. Nur „Tom, der Reimer“ fehlte leider auf dem Programmzettel…

Barbara Kaiser – 07. Februar 2022

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