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Wimmelbilder. Unfertig.

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Zur Ausstellung von Anna Genger im Kunstverein Uelzen/Vernissage Samstag, 7. März 2026, 17 Uhr, in der Theater-Galerie

Anna Genger hat eine ungeheure Energie. Sie ist wie ein Flummi. Sie selber sagt von sich, sie habe die Schlagfrequenz eines Kolibris. Das ist natürlich viel poetischer gesagt. Und so redet die kleine zierliche Frau schnell und nahezu ununterbrochen. Aber: Sie sagt auch was. Sie hat etwas zu mitzuteilen. Und so bleibt nach einer Stunde Gespräch ein schillernder, glitzernder Vulkan im Gedächtnis. Dabei hatte die Künstlerin doch eigentlich gesagt, sie sei in einer „Welt der Fassaden aufgewachsen“. Anna Genger jedoch, davon bin ich überzeugt, zeigt auch ihr Herz. Das macht sie verletzbar.

Auf jeden Fall aber ist man geneigt, sich in all den Glanz, den Glamour, den Gaudi hineinzustürzen, die in den Bildern der Hamburger Künstlerin wohnen, die zudem der Lust am Erfinden huldigen, Eleganz und Unordnung gleichermaßen sind. Die eine hybride malerische Montage von Bildfragmenten und reich an Referenzen sind. Sympathisch ungeordnete Temperamentsspuren – zu sehen bis zum 12. April 2026 in der Galerie des Kunstvereins im Theaterkeller. Vernissage ist am 07. März 2026, 17 Uhr.

Mit dieser umfangreichen Ausstellung, die Zeichnungen (mit Collageanteil), Dreidimensionales und Arbeiten in Öl präsentieren, will die Künstlerin sich und anderen beweisen, dass sie „nicht Nichts ist“. Kein Mensch käme auf diese Idee, diese kluge, hyperaktive, welterfahrene Frau ein „Nichts“ zu nennen. Aber die (Kunst)Welt tickt anders, und sie hat wohl auch das erfahren müssen. – Geboren im Jahr 1978 in Hamburg legt Anna Genger dort das Abitur ab. Sie glaubt dem Satz, mit Kunst könne man kein Geld verdienen und beginnt eine Schneiderlehre, weil sie nun Modedesign zu ihrem Ziel macht. Sie bewirbt sich an der berühmten „Slade School of Fine Art“ in London, wird genommen und schwärmt von den „Foundation Studies“, wo sich die Studenten ausprobieren können in allen Richtungen. Sie ist Jahrgangsbeste, erhält aber den Bescheid, dass ihr die Freie Kunst wohl eher läge. Daraufhin bewirbt sie sich selbstbewusst am Royal College of Art und studiert Kunst. Sie sagt es wie nebenbei, dass sie auch dort Jahrgangsbeste wird. Als sie das Studium im Masterstudiengang 2007 beendet, hat sie schon seit zwei Jahren einen Vertrag mit einer Galerie in Berlin, ist deren „Wunderkind“ und sorgt für traumhafte Umsätze. Wie sich herausstellen wird, ist der Vertrag ein Knebelvertrag…

Anna Genger wird tief fallen, als die Galerie schließt und sie sich nicht mehr alles gefallen lässt. Heute kann sie dazu sagen, dass „der Bruch eines Scheiterns auch charakterbildend ist“. Sie hat später für Musicalproduktionen Kostüme entworfen (2013), was sich für einen „seriösen Künstler“ vermeintlich nicht gehört. Im Jahr 2018 geht sie nach Hamburg zurück, auch, um ihre kranke Mutter zu pflegen und die Familienapotheke (seit 1794) abzuwickeln, in der sie ein Museum für historisches Sex-Spielzeug etabliert. Als der Vermieter den Pachtvertrag nicht verlängert, scheitert das Projekt. Dass ihr keiner ihrer reichen Freunde beispringt – dafür hat sie heute ein müdes Lächeln. Die Geldnot habe sie „Bescheidenheit gelehrt“ und dafür sei sie dankbar.

„Das Leben geht ungewohnte Wege“, ist sich die 48-Jährige sicher. Wer könnte das nicht auch unterschreiben? Jetzt kann sie ihre Multifunktionalität, denn ohne Zweifel ist Anna Genger eine Mehrfachbegabung, ausleben. Sie macht Stand-up-Comedy und ist ausgebildete Trauerrednerin, sie schreibt Gedichte und zu ihren Bildern, deren Titel lang sind und immer einen Bezug zur Literatur haben, kurze Texte. Sie arbeitet als Tänzerin und malt, malt, malt.  In die Ausstellung wollte sie die Kostümwelt, die Show, das Kindliche integrieren.

Für Anna Genger ist Identität niemals feste Form, sondern Prozess. Ihre Zustandsselbstbeschreibungen unterliegen permanenter Verschiebungen. Das sieht man auch an ihre Arbeiten. Die an den Rändern manchmal zu „zerfasern“ scheinen und in die sie alles hineinpackt, was Platz hat. Sie liebt Gustav Klimts Ornamente und den ganzen Jugendstil und Friedensreich Hunderwassers bunten Spaß. Die Künstlerin hat die großen Amplitudenausschläge ihrer Biografie als Chance begriffen, hat sich nie unterkriegen lassen. Wenn sie Stellen auf ihren Bildern übermalt – dann sind sie pastoser –  weiß sie: „Das Leben ist kein Radiergummi, es ist übermaltes Scheitern.“

Und so lauten ihre Titel: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“. Nach Ingeborg Bachmanns gleichnamigen Roman. Wo es übrigens heißt: „So kann es auch nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn, im Gegenteil, wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahrmachen. Denn wir wollen alle sehend werden.“ Gleiches gilt doch ebenso für die Bildende Kunst, oder? Dass wir sehend werden. Dass wir Vielfalt aushalten, uns (gegebenenfalls) nicht wegducken.

In einem Museum in Prag war auf einem Schild zu lesen: „Don`t touch the art, the art touch you.“ Das ist eine schöne Verbindung zwischen dem verbotenen Haptischen in einer Galerie und der emotionalen Ergriffenheit, die ein bloßes Davorstehen und Schauen auszulösen in der Lage sind. Natürlich, wir müssen es zulassen. Ein Titel bei Anna Genger heißt „Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen“. Darauf bunte Vögel. Vielleicht hat der Titel auch etwas Apokalyptisches, denn die Vögel werden hoffentlich noch singen, wenn es die Menschheit nicht mehr gibt; wenn sie sich selber ausgerottet hat. Derzeit wird sehr intensiv an solchen Szenarien gearbeitet…

Diese erste Ausstellung des Kunstvereins im Jahr 2026 heißt „Signa – Wappen, Warenzeichen, Wunder: vom Bild zum Bekenntnis“. Es ist eine weite, nicht immer einfache Reise, die der Betrachter vor den Bildern Anna Gengers unternehmen kann. Aber sie ist unglaublich aufregend und bereichernd. Und die Künstlerin freute sich, „wenn die Leute ihre eigene Interpretation drüberlegen, dass sie Antworten finden.“

Barbara Kaiser – 06. März 2026

 

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