Seite lädt...

Feuilleton News

Auf der Jagd nach Glück

teilen

Friedrich Schillers Romanfragment „Der Geisterseher“ als rasanter Dialog in Bostelwiebeck

Am Ende standen sie erschöpft: Paul Schröder und Jirka Zett. Ja, Klassiker sind anstrengend! Sie hatten sich mental und physisch abgearbeitet, es war ein Marathon. Mindestens. Friedrich Schillers schräge Gespenstergeschichte „Der Geisterseher“, stand auf dem Programm. Mit der der Schriftsteller den Zeitgeschmack bediente und von dem er meinte: „Soviel ist indessen gewiß, daß ich mir diesen Geschmack des Publikums zu Nutzen machen und so viel Geld davon ziehen werde, als nur immer möglich ist.“ Dass er am Ende die Lust verlor, bescherte uns das Romanfragment und das Bekenntnis des Dichters, dass er sich nur selten des „sündlichen Zeitaufwandes so bewußt“ gewesen sei „als bei dieser Schmiererei“. Naja, Friedrich, so schlimm ist`s nun auch nicht, sich der Dummheit der Menschen zu bedienen. Fast der ganze Literaturbetrieb heutigentags funktioniert auf diese Weise.

Und der große Friedrich Schiller war ja nicht nur der Dichter auf hehre Ideale. Von seinen historischen Abhandlungen und Dramen hätte er auch nicht leben können. Was er da beispielsweise mit Freund Goethe in den „Horen“ verzapfte, war schon eher Publikumsgeschmack; obgleich die Empörung der „ehrbaren Frauen“ groß war und der Gymnasialdirektor von Weimar, Gottfried Böttiger, Herder kolportierte, indem er anmerkte, die „Horen“ schriebe man wohl besser mit „u“ ob ihrer „bordellmäßigen Nackheit“.

Vor vielen Jahren sah ich im Nationaltheater Weimar schon einmal einen ganz anderen Schiller: „Der Parasit“ ist voller französischer Eleganz und Leichtigkeit und zündet das Feuerwerk der Pointen treffsicher ohne vordergründige Didaktik. Das Stück ist ein himmlisches Vergnügen, ein göttlicher Spaß, bei dem am Ende natürlich das Gute obsiegt! Der – heute würde man ihn vielleicht Staatssekretär nennen – „Parasit“ Selicour hat sich auf der ihm eigenen Schleimspur nach oben gedient, indem er Mitarbeitern und Konkurrenten vermeintlich Gutes tut, sie so aber eiskalt ausschaltet. „So leer sein Kopf an nützlichen Kenntnissen ist, so voll ist er an Kniffen“, sagt man über ihn. Aber als er einen fähigen Mitbewerber in die „Arbeitslosigkeit“ befördert, bläst der zum Sturm, schwört Rache. Als die auf geradem Wege scheitert, schlägt er den Intriganten letztlich mit seinen eigenen Mitteln, denn der Fiesling ist nur durch Kabalen zu stoppen. Das konnte Schiller also auch, und ein Schelm, der dabei an den Weimarer Hof dachte.

„Der Geisterseher“ wollte auch nur unterhalten. Das Jahrmarkttheater Bostelwiebeck eröffnete damit seine Saison und hatte – als Wiederholung – die beiden jungen Mimen Schröder und Zett eingeladen. Im Jahr 2009 entstand diese Inszenierung als Diplomarbeit des Regisseurs Antú Romero Nunes an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Seitdem feiert sie Erfolge, am Maxim-Gorki-Theater Berlin, am Thalia Theater Hamburg und nun auch reisetauglich. Die Handlung ist so verworren wie unwahrscheinlich. Ein melancholischer deutscher Prinz, der „in einem geräuschvollen Gewühle von Menschen einsam (ging)“, gerät in den Bann schicksalhafter Mächte, merkwürdiger Zufälle und durchschaut nicht, dass er manipuliert und getäuscht wird. Die Schönen, Reichen und Mächtigen führt der Dichter in Venedig (!) zusammen. Der Karneval tut übriges. Am Ende geht es wie immer um Geld, Einfluss und Macht. Die Forderung des Prinzen an seinen Freund „Zeig mir etwas, das dauert, damit ich tugendhaft sei“, klingt nach Goethes „Faust“, funktionierte aber noch nie. Und will man in den ganzen Irrungen und Wirrungen einen Sinn erkennen, so ist es der nach dem des Lebens. Nach ein bisschen Glück. Eine Antwort hat natürlich auch Schiller nicht.

Paul Schröder und Jirka Zett brennen alles ab, was Theater hat. Neben viel Nebel, einem Quäntchen Weihrauch und bunter Diskokugel haben sie am Ende jedoch nur ihre Präsenz und ihre Stimme – und da geben sie alles. Sie beglücken mit wunderbar gesprochenem Schillerschem Originaltext und vernuscheln die Gegenwartskommentare und Erzählungen nicht. Es ist ja immer Wagnis, Prosa auf der Bühne dramatisch darstellen zu wollen. Es scheint aber in den letzten Jahren woke zu sein. Der Regisseur des „Geistersehers“ glaubt an das Theater. Und deswegen langweilt er nicht mit Vorträgen, guten Absichten oder vermeintlichen Einfällen; er buchstabiert nicht alles aus – zeigt es aber. Die beiden Akteure machen zwar viele, schnelle Worte, erzählen aber ernsthaft, ohne selbstverliebt zu sein. Sie setzen auf Effekte, aber auch auf Haltung. Es ist da eine Menge Klamauk und Hokuspokus, aber man merkt genauso, wo es ernst wird. Die Zeiten subtiler Botschaften scheinen ja derzeit vorbei, Schröder und Zett versuchen es dennoch.

Der Theaterabend war nicht nur bunter, leerer Pop. Das auch. Nirgendwo allerdings zu hohler Phrase degradierter Text. Die beiden Schauspieler agieren mit ironischer Distanz, aber nicht mit der Gewissheit der eigenen Überlegenheit, als ginge uns dieser Schiller heute nichts mehr an. Ja, es war nur „eine Schmiererei“.  In Bostelwiebeck war die aber Dank der Akteure Spektakel und Drama, was Auseinandersetzung heißt.

Barbara Kaiser – 08. März 2026

Initia Medien und Verlag UG