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Theaterkompagnie Stuttgart bewies mit Heinrich von Kleist

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der zerbrochene Krug

Fotos: Barbara Kaiser

Die Welt ist eine Baustelle

Es ist ja allgemein ein Schauspiel, wenn Männer sich in schlechtem Gewissen winden, mit kreativem Erfindungsreichtum eigene Missetat vertuschend. Setzte Heinrich voKleist die Verse dazu, wird es obendrein ein Porträt menschlichen Panoptikums und ein burlesker Totentanz der bürgerlichen Welt. Eine philosophische Lehrstunde im Puppenspielformat. „Der zerbrochene Krug“, die Konstellation des Stückes ist immer noch einmalig – oder doch gar nicht mehr? Ein Richter, der zugleich der gesuchte Schuldige ist! Der Richter, den der Dichter meint, ist unsere Vernunft, die ach so schnell in die Bredouille kommt, wenn es nicht um die Missionierung der Unvernunft geht, sondern sie selbst und ihre Verfehlungen zum Thema werden.

Der zerbrochene Krug

Der lädierte Richter

Seit dem Jahr 1937 kennen wir den Plot auf Ufa-Zelluloid: Emil Jannings schiebt seinen dicken Allerwertesten aus dem Bett, den ramponierten dicken Kopf hinterdrein. Kaum ist er unter den Wachen, stürzen die schlechten Nachrichten auf ihn herab. Es ist Gerichtstag, ein Revisor kommt unangemeldet. Wie lästig ist die Welt. Und trotzdem kann der alte Adam unser aller Dilemma druckreif, kleist`isch eben, hervorstöhnen: „Zum Straucheln braucht`s doch nichts als Füße…. Denn jeder trägt den leid`gen Stein zum Anstoß in sich selbst.“ Wie wahr! Das fand schon Goethe gut, der die vielleicht beste deutsche Komödie, bei der „allein das Publikum durchfallen kann“ (Hebbel), in Weimar 1808 zur Uraufführung brachte.

Das Publikum im Theater an der Ilmenau, das an diesem Abend nahezu vollständig aus Schüler:innen der Abiturstufe bestand, fiel nicht durch; es verhielt sich vorbildlich und dankte am Ende mit dem typisch-jugendlichen Beifall. Die Darsteller der Theaterkompagnie Stuttgart waren versiert genug, der (geglätteten) Dichtersprache angemessenen Ausdruck zu verleihen. Inszeniert hat der Intendant selbst, Christian Schlösser ließ seinen Raum als Baustelle bauen (Paul Elter). Ja, so ist die Welt: Voller Flatterbändern, abgedeckten Stühlen, zwischen denen man Platz nehmen kann, überall mit Hindernissen flankiert.

Der zerbrochene KrugDen Dorfrichter Adam gibt Semjon E. Dolmetsch. Er ist ein schwitzender alter Bock mit irritierender Gert-Fröbe-Physiognomie, der keinen Mädchenbusen verschont, sich aber schlitzohrig drängend und bedrängt immer aus der Schlinge zu ziehen sucht. Eigentlich ist er dümmer als die Polizei erlaubt – oder er stellt sich so, dann wird er gefährlich. Emma Taha ist eine bockige kleine Eve, aber selbstbewusst. Weshalb sich nicht erschließt, warum sie ausgerechnet ihren nächtlichen Besucher schonen will. Glaubt sie wirklich, dieser Adam wäre auf ihrer Seite und hielte Versprechen?

Der Revisor, Gerichtsrat Walter, ist eine Frau (Alina Corović). Das geht zunächst einmal über das Verständnis des Dorfrichters, am Ende weiß er sich aber zu arrangieren. Und die bitterste Botschaft: Diese Frau, die es anders machen könnte, die Heuchelei, Korruption und Erpressung aufdecken und hinwegfegen, lässt sich einbinden ins System… Manuel Nero ist ein tumber Rupprecht, der so eine Eve gar nicht verdient, die bereit wäre, sich zur Hure zu machen, nur um ihn vorm Militärdienst zu bewahren. Die Einzige, die insisitiert, ist Frau Marthe (Dagmar Claus mit der besten Sprechkultur), die ihren zerbrochenen Krug wie eine Reliquie hütet und auf ihrem Recht besteht. Mit aller unheimlichen Beharrlichkeit, zu der Provinzvolk fähig ist – aber einer muss es ja tun. Um sie herum gruppiert sich ein solides Ensemble, das dem Stück einiges Tempo verleiht. Gespielt wurde ohne Pause, die dem Einakter ohnehin eine Spannungsbogenbremse beschert hätte.

der zerbrochene KrugDass sich Dorfrichter Adams Erpressungsversuch Eves mit Rupprechts angeblicher Soldatenverschickung nach Indien so gründlich gegen ihn selbst kehrt, wissen wir ja. Regisseur Schlösser bietet dem Publikum zwei mögliche Schlüsse des Lustspiels, die beide der Tragik nicht entbehren. Beim ersten sitzt Eve von allen verlassen, weil sie geschwiegen, also vermeintlich gelogen hatte im Prozess. Hat schon was, denn wie singt Konstantin Wecker: „Auch Schweigen ist Betrug“! Und in der zweiten Variante erliegt Eve der Versuchung, für ihr Schweigen den Scheck der Gerichtspräsidentin anzunehmen. Damit allerdings hat sie alle Ansprüche auf Gerechtigkeit selber verwirkt, es ist wirklich schwer, anständig zu bleiben. Nur Frau Marthe wird sich auf den Weg nach Lüttich machen und bei der Regierung vorsprechen – ein bisschen Hoffnung bleibt also.

Am Ende würde ich die Meinung der drei Jungs, mit denen ich das Theater verließ, nicht teilen, die ihr Urteil auf die Formel „Langweilig“ brachten. Aber so richtig Funken schlugen aus diesem Kleist nicht. Sodass man vielleicht sogar Theaterdirektor Goethe, der die Uraufführung vor 200 Jahren zum Desaster geraten ließ, ein wenig Verständnis entgegenbringen muss. Die Leute wollen eben keine Moral – sie wollen Action!

Barbara Kaiser – 19. Februar 2026

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