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Bis zum letzten Walzer

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Silvesterabend im Theater bot fröhlich-flotte Schlagerrevue

Da hatte ich mich nun gewappnet mit all meinem Wissen über Kitsch. Zudem war ich fest entschlossen, wenn die Gäste im Theater an der Ilmenau am Silvesterabend zu brachial-fröhlich daherkommen würden, in der Pause die Veranstaltung zu verlassen. Ich hatte mich grimmig darauf vorbereitet, dass die „Besten Schlager aller Zeiten“ selbstverständlich keine einzige Note von ostwärts der Elbe im Programm haben würde, was wieder ein Grund sei, den Auftritt zu boykottieren! Und dann das: Was Lissi und Herr Timpe – im bürgerlichen Leben Elisabeth Heller und Oliver Timpe – in mehr als zwei Stunden Konzert auf die Bühne brachten, hatte Schwung, Rasanz, Frische, war voller Einfälle und ungeheuer sympathisch. Das hatte Stimme und (!) Haltung. Was heutzutage in diesem Genre keineswegs selbstverständlich ist. Ja, klar, der Schlager hilft uns, kurz eine Welt für möglich zu halten, die ohne Widersprüche ist und ohne Leid. Bei solchen Noten braucht`s kein Erkennen oder gar kritische Analyse. Schlager haben in jedem Herzen einen Platz – je nach Stimmung – denn sie geben uns Momente der Hoffnung wider alle Vernunft. Schlager sind ganz großer Kitsch. Und dennoch.

Das Paar aus Österreich, das begleitet wurde vom „Guten-Morgen-Orchester“, einer Combo im besten Sinne, hochmusikalisch und absolut ausgeschlafen, wischte ganz kräftig Staub auf den Partituren. Sodass sogar Helene Fischers wahrscheinlich bestes Lied „Atemlos durch die Nacht“ als Bossa Nova hinreißend gelang. Und Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“ hielt man, durch das Duo total neu gesetzt, auch aus ohne größere Schmerzen. Die anderen Songs im Programm waren echte Schlager, nahezu Evergreens, weil wir uns gerne an sie erinnern und absolut textsicher sind. So wie bei „Volare, cantare“ oder „Ich brech die Herzen der stolzesten Fraun“, bei „Sugar Baby“ oder „Are you lonesome tonight“ und dem „Das Café Oriental“, bei „Donna Klara“ ebenfalls… Das Narkotikum Sehnsucht – so oft am Alltag gescheitert – wiederholt sich unendlich und mit äußerstem Behagen.

Lissi und Herr Timpe beglaubigten ihren Auftritt mit stimmlicher Noblesse und höchst glaubwürdig. Sie illustrierten die farbigen Träume von Harmonie und die heile (oder wenigstens heilbare) Welt mit Strahlkraft und Kondition. Mit einem Schager schaukelt und träumt man sich aus der Realität. Aber dennoch hatten die österreichischen Gäste wirklich den Mut, in einer Silvesterrevue vom Frieden zu sprechen. Darin machten sie den Unterschied zu allem gedankenlosen Vierviertel-Gedudel, das man sonst Schlager nennt. Also singen sie, absolut unsentimental und als „Friedenslied“, die „Lilli Marleen“. Ausgerechnet diese rührselige, totgespielte Melodie von dem wartenden Mädchen unter der Laterne. Ja, aber warum und auf wen wartet sie denn? Haben wir diese Situation bald wieder? Chapeau für diesen Zwischenruf! Und meine ganz persönliche Sympathie haben Lissi und Herr Timpe für den bekanntesten Song der Prinzen, den vom Millionärstraum.

Es wäre noch zu reden über ein Saxofon zum Niederknien und dem Tango damit. Von der Gesangseinlage von Bettina, der Pianistin, die das „Schau mich bitte nicht so an“ auf hinreißende Weise interpretierte, mit einer Stimme, die unter die Haut ging. Von den Instrumentalisten, die großen Anteil hatten an einem gelungenen Silvesterabend, weil sie mit Verve zu spielen wussten und ein Gefühl hatten für Rhythmus, Sound und Zauber. Apropos: Zauberkunststücke konnte er auch, der Herr Timpe. Und in den flugs wechselnden Kostümen machten beide Künstler immer eine super Figur. Musikalische Höhepunkte: Der Mix aus „Mackie Messer“ und „New York, New York“ und der dreistimmige Chorsatz mit Publikum von „Lalipop“. Aber beim Mitsingen ist auf das Uelzener Publikum schon immer Verlass gewesen.

Ein gesundes Neues Jahr!

Barbara Kaiser – 01. Januar 2026

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