Jutta Weingarten, Annette Grund, Constanze Straub, Georg Lipinsky, Claudia Krieghoff-Fraatz und Petra Merz (es fehlen Waldemar Nottbohm, Wil Frenken und Anke Gruss). Fotos: Barbara Kaiser
Der Kunstverein bietet anlässlich seines 50. Jubiläums auch Geburtstagskindern des BBK Präsentationsraum und – ein Hochhochhoch
Wenn eine Frau 40 wird, kommt das einer Katastrophe gleich; da helfen auch keine gnädigen Geschenke, die mit „39 + 1“ verziert sind. Anlässlich der 50 hat sie sich meist wieder eingekriegt. Die 60 soll ja sowieso als nicht so alt gelten. Und mit 70 macht ihr ohnehin keiner mehr was vor. Und ist frau erst so alt wie Waldemar Nottbohm, Wil Frenken oder Georg Lipinsky (95 – 90 – 85) – dann braucht’s keine Kommentare mehr. Bis auf die drei genannten Herren sind es wirklich nur Jubilarinnen des Bundes Bildender Künstler (BBK), die dem Kunstverein Uelzen zu dessen halben Jahrhundert gratulieren dürfen.
Wie Petra Merz (50), Anke Gruss und Claudia Krieghoff-Fraatz (55), Jutta Weingarten und Constanze Straub (65) und Annette Grund (80) ihr Alter verarbeiten, und ob es überhaupt eine Rolle spielt, wird sich vielleicht in der Ausstellung beobachten lassen. Auf jeden Fall jedoch ist es eine schöne Idee des Kunstvereins, sich zum Abschluss der Ausstellungssaison und des eigenen Feierjahres Künstler:innen mit ganz private Jubiläen einzuladen. Obwohl der BBK sowieso turnusmäßig mit einer Ausstellung beim Partner Kunstverein dran wäre.
Um es vorwegzunehmen: Die 35 Bilder (es sind nur Bilder) sind ein farbenfrohes Hohelied auf das Leben, ein Kosmos der Augenblicke, die die emotionalen Kräfte der Malerei beschwören. Voller strömender Plastizität und ästhetisch sehr einprägsam. Neun Künstler:innen – neun Angebote an den Betrachter, sich mit deren Skala des Mensch-Seins, des Da-Seins auseinanderzusetzen.
Deconstructing IKEA
Wo beginnen? Vielleicht bei Annette Grund (80), deren Bilder den Besucher noch im Theaterfoyer begrüßen und sich im Galerieraum fortsetzen. Es sind „8 Paraphrasen zu Oskar Schlemmers ‘Bauhaustreppe’“. Das Werk des Künstlers entstand im Jahr 1932 als Protest auf die angekündigte Schließung des Bauhauses, die eine NS-Mehrheit im Dessauer Stadtrat (seit 1931) möglich gemacht hatte. Bereits 1925 war das Bauhaus ja aus Weimar vertrieben worden. Es war nur ein erstes Anzeichen – noch vor der so genannten Machtergreifung 1933 –, dass Deutschland seine Kultur(schaffenden) vertreiben, ausbürgern, ermorden wird. – Annette Grund arbeitet sich in ihren „Paraphrasen“, die ja eine sinngemäße Wiedergabe von fremden Ideen mit eigenen Mitteln sind, wir kennen es vor allem aus der Musik, an den Figuren Oskar Schlemmers ab. Dessen Bild beherrscht eine Frau im roten Pullover. Das Rot bleibt auch bei Grund bestimmend. Ist es auch als Signalfarbe benutzt? Im Sinne von „Seid wachsam, Menschen!“ Die Arbeiten besitzen eine ungeheure Leichtigkeit; die Figuren scheinen zu schweben, obwohl sie eine Treppe erklimmen. Für den Betrachter lohnt es, sich anhand des Schlemmer-Bildes in die immer wieder neue Variation Annette Grunds zu vertiefen
Annette Grund: Hommage Oskar Schlemmer 1
Mit dem Abstand von 15 Jahren folgen die Geburtstagskinder Jutta Weingarten und Constanze Straub, die 65 Jahre alt wurden. Ihre Bilder könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Jutta Weingarten sich im Hamburger Gängeviertel, dem Künstlerviertel, umsah und einen explosiven Farbrausch auf ihre Leinwände bannte, zeigt Constanze Straub drei Bilder aus „Erd-Zeit“, auf denen sie verschiedene Materialien wie Steinmehl, Asche, Pigmente, Tusche verarbeitet. Die informellen Bilder beschwören nach Aussage der Künstlerin Paul Klee, der sagte: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Das Verhalten der Stoffe auf der Leinwand, mal grob, mal fein, mal geschmeidig, mal spröde steht bei Straub auch für das Repertoire menschlicher Eigenschaften und Empfindungen. Während Straub also eher kontemplativ (er)arbeitet, findet Weingarten auf Spaziergängen Motive, die sie anregen, gemalt zu werden. Während Straub eher introvertiert auf den Weltenlauf schließt, lässt Weingarten sich ein auf die Magie der gefundenen Orte, die sie als Farbbeziehungen sichtbar zu machen sucht.
Anke Gruß und Claudia Krieghoff-Fraatz sind in diesem Jahr 55 Jahre alt geworden. Krieghoff-Fraatz hat tief in ihrem Atelier gegraben und ein Bild aus der Mythologie-Phase mitgebracht: „Tod der Brunhilde“, dieser von Siegfried betrogenen starken Jungfrau. Claudia Krieghoff-Fraatz`Bilder waren immer von einer handwerklichen Perfektion, die Mythologie-Bilder oft mit einem Seufzer versehen; so was wie Engelsreigen überm Ehebett. Aber die Künstlerin ist so unglaublich vielseitig, dass es nicht verwundert, dass sie jetzt auch das Aquarell für sich entdeckte und Petitessen schafft, die eine ganze Welt aufblättern. So wie ihre beiden kleinen Formate „Ungemach“ und „Mensch“. Das sind Charakterköpfe zum Amüsieren! – Anke Gruß beweist in ihren Bildern, dass sie virtuos mit Licht(darstellung) umzugehen weiß. Ihre Arbeiten „The Waitress“ (Kellnerin) oder „Summertime“ sind eine Manifestation von Charme und Poesie. Und ihr Bild „Dots“ (Punkte) erinnert mich auf wunderbare Weise an Renata Tumarowa, die russische Künstlerin aus St. Petersburg, die sich auf faszinierende Art auf diese Unschärfen und Verwischungen verstand, hinter denen dennoch Konturen und Profile sichtbar blieben.
Anke Gruss: Dots
Die Jüngste im Reigen der Geburtstagskinder ist Petra Merz, die gerade erst 50 wurde. Die Malerin ist bekannt durch ihre fast technischen Bilder, die sie nach der Beschäftigung mit dem Bauhaus entwickelte. Die mitgebrachten besitzen einen Thrill und eine unglaublich ansprechende Ästhetik bei aller grafischen Klarheit. Die zahlreichen Arten von Grün beglücken beim Betrachten förmlich, was für solch technisierte Bilder fast ausgeschlossen scheint. Geht aber.
Die drei Herren in der neunköpfigen Jubilars-Riege sind wahrhafte Urgesteine, Gründungsmitglieder des Bundes Bildender Künstler und des Kunstvereins: Waldemar Nottbohm (95), Wil Frenken (90) und Georg Lipinsky (85). Wil Frenken ist vor vielen Jahren nach Südwestdeutschland gezogen, hält aber den Kontakt und es ist schön, dass er teilnimmt an der Parade der Gratulanten für den Kunstverein. Seine Leinwand „Writers in Prison“, die im Jahr 1986 nach einer Lese-Kunst-Aktion „Verbrannte Bücher – verbannte Bücher“ entstand, ist als politische Aussage bis heute aktuell. Der Subtext ist also unbedingt mitzudenken. Zudem das Sich-bedingen von Kunst und Sprache. – Waldemar Nottbohm steuerte drei Arbeiten zur Ausstellung bei, die mit der Skulpturengruppe „Utopische Behausungen“ korrespondieren, die an den Wegen der Woltersburger Mühle stehen. Nottbohm weist dem rechten Winkel eine ordnende Funktion im Chaos dieser Welt zu.
Petra Merz: Flächen VI
Es fehlt noch Georg Lipinsky (85). Vor seinen Bildern fällt mir immer der Rat von Christoph Schlingensief, dem großen Theaterregisseur, ein: „Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können.“ Die erzählenden Bilder, für die Lipinsky zu seinen Anfängen, dem Zeichnen und Aquarellieren, zurückgefunden hat, sind nie restlos zu klären oder zu verstehen. Wahrscheinlich hat auch jeder seine eigene Interpretation. Auf jeden Fall sind „Uelzener Legende“ oder „Alice im Wunderland“ viel zarter und leiser als die manchmal auch plakativen Collagen des Künstlers. Das ist eine neue, angenehme Erfahrung. Und wer nun in dieser Stadt „Mit den Wölfen heulen“ kann oder wird – das bleibt jedem selber überlassen.
Claudia Krieghoff: Fraatz-Mensch
Es ist eine wunderbare Ausstellung geworden, diese Gratulationsausstellung. Der Kunstverein Uelzen beschließt damit ein ereignisreiches Jahr, das gekennzeichnet war durch viele interessante Aktivitäten und sehenswerte Präsentationen. Einen zusätzlichen, erfrischenden Höhepunkt gab es mit der Vernissage-Musik: Daniel Orthey, Leiter der Musikschule Uelzen, spielte mit zwei Drummer-Schülern von Amund Sjølie Sveen dessen Werk „Deconstructing IKEA“. In dieser Spielanweisung (Komposition wäre der falsche Begriff) geht es darum, „musikalisch Teller zu zerstören“, sagte Orthey. Natürlich mit der sozial-kritischen Hintergrundfrage: Wie und auf wessen Kosten produzieren wir, konsumieren wir, werfen wir weg…
Der Kunstverein hat in diesem ereignisreichen Jubiläumsjahr mit alle seinen Veranstaltungen und Kooperationen erneut aufs eindrücklichste bewiesen, dass er „eine tragende Säule unserer regionalen kulturellen Landschaft“ ist. Wie es Landrat Heiko Blume auf dem Festakt im September betonte.
Barbara Kaiser – 23. November 2025