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„Mich interessieren andere Leben“

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Zur Ausstellung von Kathrin Landa im Kunstverein Uelzen/Vernissage: Samstag, 05. September 2026, 17 Uhr, Theaterkeller

Vor den Bildern von Kathrin Landa kommen die Fragen unmittelbar: Warum hat das „Mädchen mit Ratten“ so rote Augen und weshalb kommt sie aus einem schwarzen Hintergrund auf uns zu? Hat die Kleine geweint oder ist es eine Anspielung der Malerin, weil Ratten auch rote Augen haben? Hat die Frau „Im Bad“ etwa blaue Flecken auf dem Oberkörper? Und von wie viel Leid zeugen eigentlich die Augen dieser wunderschönen schwarzen „Frau vor Tapete mit Vögeln“? Ist die Schwangere auf „Frau mit Katze“ jetzt schon frustriert, weil allein? Und ganz jung ist sie auch nicht mehr – warum jetzt noch ein Kind? Die neue Ausstellung des Kunstvereins mit Bildern von Kathrin Landa bringt auf künstlerische Art ein Menschenbild zu den Betrachter:innen, das ganz viel erzählt. Zu Porträtbildern gehören ja immer Geschichten, die erzählt werden wollen. Und hier ist nicht der große Gongschlag das Entscheidende, sondern der Nachhall, den diese Arbeiten zurücklassen. Auf der Netzhaut, in der Seele…

Kathrin Landa ist Jahrgang 1980. Geboren im Bodenseekreis, aufgewachsen in Ravensburg, der Spielestadt, kommt sie aus einer Familie, in der Kunst immer eine Rolle zukam. So hatte sie nie einen Rechtfertigungszwang, als sie dieses Studienfach wählte. Sie wurde schon immer gefördert, durch eine Mutter, die Kunstpädagogin war. Kunst war „mein Ausdrucksmittel“, sagt Landa und studiert nach dem Abitur an der Kunsthochschule Mainz, absolviert das Grundstudium. Danach entschließt sie sich, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig das Hauptstudium anzugehen. Was durchaus Verwunderung generierte, dass eine aus dem sehr fernen Westen des Landes nach Sachsen wechselt. Kathrin Landa wird in unserem Gespräch sagen, dass es „die glücklichste Zeit“ war, „weil sich alles um Kunst gedreht hat“. Handwerklich habe sie alles in Leipzig gelernt, das wurde dort „großgeschrieben“, während in Mainz die „freie Herangehensweise“ auf der Tagesordnung stand. Dargestelltes, was sich (vor allem den Osten betreffend abwertend) „figürliche“ oder „realistische“ Malerei nennt, ist aber eben immer auch menschlich. Und damit widersprüchlich. Kathrin Landa setzt das in ihren Bildern, die handwerklich superb sind, um. Erzählt wird von Zurückhaltung, Verweigerung auch. In einer Welt, die nur Expansion und Superlativ kennt. Die Porträts sind konzentrierte künstlerische Essenz von Dasein.

Sie habe schon immer Porträts gemalt, bekennt Kathrin Landa. Und: Otto Dix ist „mein Held“. Der Maler aus Thüringen, der einen scharfen Blick für die Gesellschaft besaß und (vor allem) das Leben der 1920er Jahre ohne jede Beschönigung zeigte. „Die Darstellung des Menschen war schon immer mein Thema“, so Landa weiter, „ich bin eher ein sozialer Mensch, der psychologisch-emotionales-soziales Interesse hat. Mich interessieren andere Leben.“ Folgerichtig ist Kathrin Landa gut vernetzt in der Kunstszene nicht nur in Berlin, wo sie lebt. Sie macht Feminismus zu ihrem Thema und gründete „Womenpaintersroom“, einen Raum für ausschließlich Künstlerinnen. Dort gibt es regelmäßig Ausstellungen und unter anderem die Forderung, dass Kunst von Frauen auch monetär gleichberechtigt behandelt werden müsse. Denn offensichtlich ist es auch dort so wie im Fußball; wo die Männer Millionäre sind und die Fußball-Frauen nebenher einem Brotberuf nachzugehen gezwungen sind. Großes Thema ist für die Künstlerin die Frau in der Gesellschaft, in letzter Zeit die „Frau um 50 in der Gesellschaft und in den Wechseljahren“. Wie werden solche Frauen gesehen? Sind sie (noch) begehrenswert? Das ist ja eine Frage, die auch Schauspielerinnen umtreibt, die die 45 überschritten haben.

Aus dieser Situation heraus schuf die jetzt 46-jährige Kathrin Landa neue Selbstporträts. Eins zeigt sie, noch immer faltenfrei, aber mit kleineren Augen und einem Mund, auf dem der Lippenstift über die Konturen hinausgemalt wurde. Das sieht aus wie bei einem Clown. Der von Steven King. Ein bisschen traurig auch, dieses verrutschte Makeup, man sieht es so bei misshandelten Frauen. Was hat diese 46-jährige Kathrin erlebt? Wenn sie Glück hat, ist erst die Hälfte ihres Lebens vorbei! Trotzdem: Durch wie viele Tiefs ist sie gegangen, hat sich herausgewühlt, ist aufgestanden, hat sich engagiert. Weil ihr die Welt, eigenes Leben, anderes Leben nicht egal sind. Chapeau!

Die Ausstellung im Kunstverein heißt „slightly overdressed“. Die Künstlerin selber würde es mit „leicht drüber“, „überdreht“ übersetzen. Also wilder, freier, über das gesellschaftlich Normierte hinaus. Das Titelbild der Einladung ziert der „Mann mit den blauen Handschuhen“. Diese strahlen auf den Körper, der durchaus ansehnlich ist, aus. Ist er etwa toxisch, dieser Junge? Lässt man sich mit ihm besser nicht ein? Es gibt eine ganze Reihe mit diesen männlichen Modellen. Alle wohlgeformt und gutaussehend. Und nackt. Mit der Leuchtkraft gotischer Kirchenfenster. Da sie aber alle in sich selber ruhen, interagieren sie nicht. Kleine Narzisse allesamt. Aber schön, sich ihrer bewusst.

Für das stärkste Bild halte ich die „Frau vor der Tapete mit Vögeln“. Die Afrikanerin mit einem so eindringlichen Blick, dass man als historisch denkender Mensch ein schlechtes Gewissen haben muss. Denn in diesen Augen steht zwischen Sklaverei, Ausbeutung und Rassismus alles zu lesen, was verabscheuungswürdig ist bis in die Gegenwart. Die Frau hat den Stolz dieser Völker, sie ist wunderschön, biedert sich niemandem an, wenn sie erzählt. Landa verbindet archaische Strenge mit fragiler Poesie. So geht es, dass wir als Betrachter offen bleiben für den überraschenden, fremden Gedanken. Auch die schwangere Frau bedient nicht das Klischee der vermeintlichen Seligkeit dieses Zustands. Und das Kinderporträt hat ebenfalls nichts Süßes. Bei Kathrin Landa ist die Kunst ein Hilfsmittel, sich der Welt zu nähern, anstatt sie sich vom Halse zu halten. Das kann man intensiv erleben vor diesen Bildern. Bis 04. Oktober 2026 ist das möglich. www.kunstverein-uelzen.org

Barbara Kaiser – 31. August 2026

 

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