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„Ich bin für kräftige Farben“

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Findlinge
Anett Münnich vor "Blaue Stunde"

Anett Münnich vor “Blaue Stunde”

Zur Ausstellung von Anett Münnich im Kunstverein/Vernissage Samstag, 30. Mai 2026, 17 Uhr, Galerie Theaterkeller

Der Titel der Ausstellung ist was für Philosophen: „Vor dem Dahinter“, nennt Anett Münnich die Schau ihrer Bilder, mit denen sie bis zum 26. Juni 2026 im Kunstverein Uelzen zu Gast ist. Im Gespräch konnten wir uns aber schlussendlich darauf einigen, dass es vielleicht „viele Mitten“ sind. Scheibchenweise sozusagen. Denn zwischen vorn und hinten gibt es vieles, das beachtet werden muss. Einfach mal das Offensichtliche (oder die, die sich gerne in den Vordergrund drängen!) beiseiteschieben und tiefer graben. Das macht Anett Münnich mit ihrer Kunst. Und die ist eine Augenweide.

Geboren 1961 in Königsee/Thüringen, zogen ihre Eltern bald nach Brandenburg um. Das Mädchen machte an der Ingenieurhochschule Köthen ein Sonderabitur, das zum Studium ebendort berechtigte; sie wurde Diplomingenieur für Anlagentechnik. Etwas sehr Handfestes also. Vielleicht hat diese Ausbildung die 64-Jährige, die eine zupackende, offene und freundliche Frau ist, geerdet? Kreativ war sie allerdings schon immer. Bereits in der zweiten Klasse habe sie Märchenbücher geschrieben und illustriert. Wow! Dass sie nach der Ausbildung also diese Art der Beschäftigung suchte, scheint logisch. Anett Münnich arbeitete journalistisch unter anderem beim Verbund ostdeutscher Energieerzeuger. In Brandenburg stehen die letzten Kohlekraftwerke in Vetschau. Ganz offensichtlich muss sich hier das Thema festgesetzt haben, auf das die Künstlerin später ihr Hauptaugenmerk legen wird: Die Natur und der Mensch, samt der Analyse der Auswirkungen zivilisatorischer Eingriffe. Mit Tagebauen fügt der Mensch der Natur die wohl größten Wunden zu. Überall auf der Welt.

Moosweg

Moosweg

Ab 1990 beschäftigt sich die junge Frau intensiver mit Kunst. Findet Malerinnen und Maler, bei denen sie sich zu Kursen anmeldet. Weil sie aber der Meinung ist, dass ein Abschluss sich immer besser macht – in der Vita sowieso und als Bestätigung harter Arbeit auch, bewirbt sie sich 2013 an der Berliner Akademie für Kunst, einer privaten Einrichtung. Dort wird sie zu ihrer eigenen Überraschung angenommen (immerhin ist sie schon über 50) und studiert fünf Jahre, war Meisterschülerin, besitzt also einen Masterabschluss. „Ich hab da nochmal einen ganz anderen Blick auf Kunst bekommen“, sagt sie heute darüber. „Und mich hat die Frage beschäftigt: Braucht die Welt meine Bilder!“ Die Antwort? „Ich zeige die Welt wie sie ist, keine zertretene Coladose im Wald, ein Sinnbild für die Ignoranz des Menschen, und ich hoffe, dass man erkennt, wie schön sie ist.“ Die Welt. Es ist ein Anliegen, dem ganz viel Aufmerksamkeit und Zuspruch zu wünschen ist.

Die rund 40 Acrylarbeiten in verschiedenen Formaten, die Anett Münnich nach Uelzen mitgebracht hat, sind eine vitale Bildmacht, sind das farbigste Oszillogramm der Existenz. Sie erzählen in einer Sprache ohne den Fallschirm der Grammatik. Zudem stehen sie auf dem sicheren Grund handwerklichen Könnens.

Es seien ja imaginäre Welten, die sie erschaffe, sagt die Malerin. Aber wenn die Betrachter:innen davor stünden und vielleicht sagten: Das sieht so aus wie dort und dort, dann freue sie sich. „Weil man meine Bilder dann persönlicher nimmt.“ Sie arbeite in ganz vielen Schichten – so gesehen stimmt das Bild von den „vielen Mitten“ -, sagt Anett Münnich. „Ich hole alles aus einem Chaos von Linien und Flächen, verdichte es, bis sich ein Motiv erkennen lässt.“ Es sei ein Aufbauen, Übermalen, Fragmentieren. „Ich gucke auch gerne hinter die Dinge und mag kräftige Farben, weil das meinem Naturell entspricht.“

Wo ich dich traf

Wo ich dich traf

Und so ist diese künstlerische Arbeit reich an Referenzen. Sympathisch ungeordnet. Ob die Landschaft hier rational verstanden wird, vermag ich nicht zu sagen. Ist sie das Spannungsfeld zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen Natur, Wahrnehmung und Befinden oder Empfinden?  Den Bildern fehlt nicht eine gewisse zeichnerisch-grafische Komponente. Mal sind es eher ertastende, mal konstruktiv bestimmende Linien.

So steht man also vor dem „Moosweg“, einem großen Format in Grün, das einen einzusaugen scheint. Oder man schwebt in der „Blauen Stunde“ und tastet sich barfuß über die „Findlinge“. Es ist eine Reise, bei der man loslassen sollte. Dabei kann sich der Betrachter mit der Künstlerin imaginär begegnen, denn: „Ich hab anfangs nur ein Gefühl, das (Motiv) kann sich auch ändern. Schwierig ist nur das Aufhören.“ Das stimmt, man kann lange vor den Bildern verweilen, sich verirren, sich finden. Alles ist möglich.

Barbara Kaiser – 30. Mai 2026

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