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Ein Stück Verlässlichkeit

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Carsten Zündorf (Orgel) eröffnete die St.-Marien-Sommerkonzert-Reihe

Wir lebten ja in Zeiten der „Events“, begrüßte Kantor Erik Matz die rund 100 Besucher:innen, die sich zum Auftakt der Sommerkonzert-Reihe in St. Marien eingefunden hatten. Aber gerade deshalb sei ein Stück Verlässlichkeit nicht hoch genug zu schätzen; die Reihe der Konzerte in den Monaten Juli/August, immer samstags, 16.45 Uhr, sind so eine schöne Verlässlichkeit. Den Anfang in diesem Jahr machte Matz` „hoch geschätzter Kollege Carsten Zündorf“, Jahrgang 1968, seit 2006 Kirchenmusikdirektor in Osnabrück. Er versprach europäische Orgelmusik der Romantik.

Das klingt nach unwiderstehlicher Sinnlichkeit, betörenden Momente und melodramatischem Pathos. Zündorf hatte sich dreier Komponisten angenommen: Des Dänen Niels Wilhelm Gade (1817 bis 1890), des Briten William Lloyd Webber (1914 bis 1982) – eigentlich schon kein Romantiker mehr – und des Liechtensteiners Josef Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901).

Gades „Tre Tonstykker“ op. 22 eröffneten den frühen Abend. Das Moderato gab einen Vorgeschmack auf romantischen Bombast und das folgende Allegretto tat nur zierlich und sparsam (im Hintergrund wühlte es schon). Beim abschließenden Allegro blieb der Solist kultiviert in der Ekstase. Auf die blieb zu hoffen. Hübsche kleine „Tonstücke“ zum Aufwärmen.

William Lloyd Webber, der Vater des Musical-Titanen Andrew Lloyd Webber, komponierte „Eight varied pieces for organ“, acht abwechslungsreiche Stücke für Orgel. Carsten Zündorf legte sich sechs davon aufs Notenpult. Die „Arietta“ war eine wunderhübsch-hüpfende Melodie, die man zu kennen glaubt, auch wenn man sie noch nie hörte. Wahrscheinlich die eingängigsten und schönsten Noten der Partitur. Obgleich die Pastorale („By the waters of Babylon“) oder der „Epilogue“ betörende, aber auch behäbige Momente haben. Der Gast aus Osnabrück gab sein Debüt in Uelzen mit ruhig strömenden Klangbildern von einer klaren Schönheit. Er breitete eine sensibel schattierte, breite Klangskala vor seinen Zuhörern aus. Unentrinnbar. Manchmal blitzend.

Zur Orgelsonate Nr. 20 F-Dur op. 196 von Rheinberger gibt es eine Geschichte: Die Sonate trägt den Untertitel „Zur Friedensfeier“. Wer jetzt meint, angesichts der Lebensdaten des Komponisten könnte das die Feier zum Frieden nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1871) und der Krönung des Ersten Wilhelm im Schloss zu Versailles gewesen sein, der irrt. Nein, im Rheinberger-Archiv sei zu finden, dass der Mann eine zärtliche Liaison zu einer jüngeren Frau unterhielt, informierte Erik Matz. Als die einen anderen heiratete, trennte man sich friedlich, was nicht selbstverständlich ist. Der verlassene Mann erdachte dazu Noten, die hörenswert sind! Ein Praeludium als Lento maestoso, das suggeriert – alles ist gut. Das Adagio im Intermezzo ist dann doch ein bisschen traurig, aber das Andantino der Pastorale kommt licht daher; wiegend, fast wie in Beethovens Sinfonie (Nr. 6). Im Finale lässt der Interpret an der Orgel das ganz große Fortissimo weg, aber er zerdehnt angenehmerweise auch nichts, ist überhaupt zügig unterwegs.

Nach 60 Minuten gab es sehr freundlichen Applaus und – das übliche Glas Wein auf dem Kirchplatz, das auch in diesem Jahr zur Eintrittskarte gehört. Am Samstag, 11. Juli 2026, ist das Ensemble „Aurea“ mit A-capella-Gesang und „Sommernachtsträume“ zu Gast.

Barbara Kaiser – 06. Juli 2026

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