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Feuilleton

Alles nur Show

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Der neueste Roman von Juli Zeh ist ziemlicher Ramsch

Am Ende wird Anwalt Mark sogar sein Leben riskieren für eine Mandantin, die ihn manipuliert und an der Nase herumgeführt hat. Dann hat er, der Ich-Erzähler, über 500 Seiten die Geschichte dieser Betty ausgebreitet, die des Mordes an ihrem 25 Jahre jüngeren Kollegen angeklagt ist. Es ist ein Prozess ohne Leiche; und auch wir Leser:innen irren durch das Gestrüpp von Lebenserzählungsklagen und Verhandlungen vor Gericht. Was ist nun mit diesem Fero? Ist er tot? Ist er abgehauen? Hatte er ein erotisches Verhältnis zu seiner Chefin Betty oder war es nur geistige Übereinstimmung? Wobei ich persönlich es hierbei mit Hermann Kant halte, der sagte: „Es ist meine Überzeugung, daß keine Bekanntschaft zwischen Mann und Frau auskommt ohne alle Erotik, die sich doch auch äußert, wenn einer vom anderen denkt: um Himmels Willen nein!“

Aber vielleicht der Reihe nach: Juli Zeh hat einen neuen Roman geschrieben mit dem unernsten Titel „Pony Show“.  Und wenn die Autorin das Ganze selber nicht ernst meint und nimmt, dann sei es ihr verziehen. Ansonsten ist es ein ärgerliches Textgemisch. In dem die auf der Sonnenseite des Lebens Stehenden Defizite beklagen. Wie etwa, dass der eigene Partner nicht genug liest und kaum ins Theater geht, während man selber es zur Verlagschefin eines renommierten Hauses gebracht hat. Oder dass die kluge Ehefrau die Kinder, den Hund und den Haushalt im Griff hat und obendrein Verständnis zeigt für die anwaltliche Arbeit des Gemahls und trotzdem angeblich mental und intellektuell nicht auf der Höhe des Göttergatten ist. Andererseits tut sich Verlegerin Betty selber leid, weil sie immer kämpfen musste, um dorthin zu kommen, wo sie jetzt ist und deshalb niemals nur Weib sein konnte. Selber schuld, möchte man sagen. So ein Batzen Feminismus geht einem ziemlich auf die Nerven. Und dann kommt dieser Fero: „Der lachlustige Schwung seiner Oberlippe. Eine dunstige Intelligenz in den Augen, die aus den tiefen Schichten des Bewusstseins herauszusteigen scheint. Der Abglanz einer intensiven Emotionalität, die verschattet oder sogar verschüttet ist.“ (S. 78) Und so weiter im Courths-Mahler-Sound. Jedenfalls kostet es Betty Kraft, nicht daran zu denken, mit ihm ins Bett zu gehen – siehe Hermann Kant. Was Fero wiederum beleidigt, denn er will nur lernen. Er ist ein Aufsteiger, vor 25 Jahren mit seiner Mutter aus (ausgerechnet) der Ukraine geflohen. Nicht vor Krieg oder Elend, sondern vor einem gewalttätigen Vater. Er liest, liest, liest und studiert, er ist begabt und genauso manipulativ wie Betty. Es wird eine Arbeitsbeziehung, eine On-Off-Beziehung, die Fero, der Karrierist, steuert. Und die selbstbewusste Betty dackelt hinterher. Es bleibt also die Frage: Wer benutzt hier wen? Betty den Fero für ihre „Selbstfindung“ als Frau oder Fero die Chefin für den eigenen Aufstieg?

Wie gesagt, als Persiflage, Parodie, Glosse oder Karikatur funktionierte das. Aber ich fürchte, Juli Zeh hat es ernst gemeint mit ihrer (An)klage. Dass die Konstellation ältere Frau/ jüngerer Mann nicht geht in der Gesellschaft, umgekehrt aber schon. Dass eine Frau nur auf Kosten von was auch immer – ihres Frau-Seins? – eine Karriere erfolgreich absolvieren kann. Dass die Zustände vor Gericht manchmal haarsträubend und hanebüchen sind, und sich dort auch der eine oder andere macht- und karrieregeile Mann tummelt. Ja, es liest sich so weg, das Buch „Pony Show“. Aber ich habe mich empört über die Ansprüche dieser Leute, denen es an nichts fehlt, die den Bezug zur Realität in diesem Land, in dieser Gesellschaft offenbar total verloren haben. Oder nicht? In einem lichten Moment denkt Anwalt Mark: „…Fenster, durch die ich berufsbedingt auf die Leben anderer Menschen blicke. Schlechtere Leben, in hundert Prozent der Fälle. Unglaublich, dass ich diesen Einblicken zum Trotz das eigene Leben so wenig schätze.“ Und es aufs Spiel setze – möchte man ihm zurufen! „Pony Show“ ist eine ärgerliche, konstruierte Abhandlung über die, denen es gut geht in den oberen Etagen des Lebens.

Barbara Kaiser – 28.10.2026

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