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„Wenn ich auffallen will, störe ich“

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Musikerfotos von Hans Lepel zur 17. Internationalen Sommerakademie

Vor 100 Jahren war Fotografie Inszenierung von Realität. Man schmiss sich in den Sonntagsstaat und musste ganz lange stillsitzen. Manche der so Abgelichteten gucken für uns heute so erschrocken, als hätten sie wirklich daran geglaubt, dass ein Vögelchen aus dem Kasten fliegt. Bloß nicht lachen! Ernst sein und würdig. Heute machen die Telefone die Bilder, die dazu dienen, Augenblicke festzuhalten – und sich selber darzustellen. Dabei geht es schon mal peinlich zu und es kommt vor, dass all diese Hobbyknipser ein Landschaftsmotiv, eine Gegend, zuschanden posten. – Hans Lepel gehört nicht zu diesen Leuten. Seine teure Kamera ist angemessen schwer, die passte in keine Jeanstasche. Und der 79-Jährige stellt nie Fotos ins Netz, prostituiert sich nie. Überhaupt nimmt er die Sache, diese Art der Abbildung, ernst, sich selber aber anscheinend nicht so wichtig.  Er ist der stille Beobachter, der den Moment festzuhalten weiß, der am meisten von seinem Geschehen transportiert, wo sich Sinnliches und Sinnbildliches verbinden. Seit vielen Jahren begleitet der pensionierte Pädagoge die Internationale Sommerakademie (und die Veranstaltungen im Neuen Schauspielhaus Uelzen). Und so hängen im Langhaus Oldenstadt auch in diesem Jahr, dem 17. Jahrgang, Fotos aus dem letzten Jahr.

Hans Lepel, der einst Englisch, Politik und Geschichte unterrichtete und Direktor des Lessing-Gymnasiums war, hat sich schon immer künstlerisch betätigt. Sagt er. Früher habe er gezeichnet. Sein eigener Kunstlehrer war Walter Schrammen, dieser wunderbare Uelzener Maler (1923 – 2014), von dem er sicherlich viel gelernt hat. Als die kurzen Skizzen nicht mehr schnell genug gingen, fand er die Fotografie für sich. Die ist für ihn, im Falle der Sommerakademie, das „Festhalten von Kunst“. Nun halte einer Musik fest! Sie ist vorbei in dem Moment, in dem sie erklingt. Hans Lepel schafft es dennoch, dem Betrachter seiner Fotografien auch eine Klangwelt zu imaginieren. Man muss dazu nur ganz still sein und vor einem Bild verharren…

Musikerfotografen seien eher rar gesät, weiß Lepel. So gesehen habe er keine „übermächtigen Vorbilder“. Aber für ihn sei es „Privileg, bei Klassischer Musik fotografieren zu dürfen.“ Deshalb ist es sein Bestreben, in den Konzerten möglichst unsichtbar zu bleiben. Lepel geht aber auch in den Unterricht der Sommerakademie um zu sehen, wie die Studenten mit den Lehrkräften interagieren, um mehr zu erfahren, als man bei einem Auftritt je erfahren kann. Seine Fotos sind auch ein bisschen Dokumentation. Jeder, der ein gut sortiertes Archiv hat, kennt das Gefühl der Wiedererkennung, des Effekts der Worte „so lange schon her“. Hans Lepel kennt übrigens die „Wiederholungstäter“ der Sommerakademie mit Namen, erinnert sich an Situationen, an Gefühle der Erleichterung oder Anspannung.

Das alles kann (!) man auf seinen Bildern sehen. Auch wenn wir nur hören oder sehen, was wir erwarten. Aber dann wäre die Welt zu einfach. Lepel bannt eine Essenz. Es sind stille, atmosphärische Aufnahmen; ein Kontrapunkt zum heutigentags großen und oft hektischen Versuch, ins Licht und zu Wort zu kommen, sich zu zeigen. Natürlich hört man auf den Bildern auch mal den Forte-Schlussakkord mit, aber trotzdem schreit da nichts. Es sind unaufgeregte Momente, verdichtet durch das Wissen und die Emotion des Fotografen um größere Zusammenhänge. Hans Lepel spielt nie die Überlegenheit der Distanz aus oder stellt gar bloß. Seine fotografierten Musiker:innen ruhen in sich, sind ganz in der Musik, die sie umfließt. Man ahnt etwas von der Arbeit, die vor diesem Auftritt stand, von dem Wunsch, mit dieser Partitur Weltbeteiligungskunst zu erzeugen, als Mittel zum Verständnis, zur Verständigung. Hans Lepels Fotografien erscheinen beiläufig, sind aber außerordentlich kunstvoll. Es sind stimmungsvolle Porträts voller berückender Entspanntheit, die den Betrachter berühren.

Barbara Kaiser – 31. Juli 202

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