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Feuilleton

Nicht wegschauen!

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Das Mädchen versucht, Beckmann zu helfen

Fotos: Barbara Kaiser

Neues Globe Theater Potsdam eröffnete den Theaterring mit „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert

Gegen Ende wird der dramaturgische Fluss des Stückes zäh, und auch die Darsteller finden keinen Sinn stiftenden Weg aus der Wiederholung. Hier hätte der Regisseur (Kai Frederic Schrickel) behutsam kürzen können, denn die Botschaft des Abends war längst angekommen. So aber sorgt das Überdeutliche für eine gewisse Trägheit. Das Anliegen dieses 80 Jahre alten Stückes jedoch bleibt aktuell und relevant: wir dürfen nicht wegschauen, kein Vergessen und Verdrängen zulassen.

Gott und der Tod, der eine ratlos, der andere fett gefressen.

Das Neue Globe Theater Potsdam hat sich in der Ausstattung von Hannah Hamburger, der einige Leuchtröhren und ein Podest genügen, Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ auf den Spielplan gesetzt; in Zeiten so vieler Krieg wie noch nie weltweit spricht das vom Glauben an das Theater, seiner Mission und daran, dass der Schauspieler Störenfried der eigenen Seelenruhe sein kann. – Es ist eine schrille, grelle Inszenierung einerseits, aber auch eine sanfte, leise Berichterstattung über den Kriegsheimkehrer Beckmann (überzeugend: Moritz Gehrkens) in Zeiten, in denen es das Wort der posttraumatischen Belastungsstörung noch nicht gab. Wo jeder selber mit seinen Erlebnissen, Grausamkeiten, Entscheidungen und seiner Verantwortlichkeit zurechtkommen musste.

Borcherts Stück, als Hörspiel erstmals im Februar 1947 ausgestrahlt und im November desselben Jahres an den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt, ist so ein Aufschrei wie vormals Schillers „Räuber“. Es summiert die Fassungs- und Ratlosigkeit einer jungen Generation, für die das Leben bis dahin aus Krieg bestand. Borchert blieb allerdings stehen bei der Reihung von Szenen, die Bilder beschwören, die nicht die Ursachen von Krieg analysieren. So weit dringt der junge Autor, der erst 25 Jahre alt war, als er das Ganze aufschrieb und die Uraufführung in Hamburg nicht mehr erlebte, weil er mit 26 Jahren starb, nicht vor.

Der Oberst ist mit der Familie längst wieder im Wohlstand angekommen

Der Oberst ist mit der Familie längst wieder im Wohlstand angekommen

Die Potsdamer Aufführung ist interessiert an Geschichte und ihrem Hineinwirken ins Heute. Am Ende berührt die Gleichförmigkeit der theatralischen Mittel aber nicht mehr. Es bleibt ein Theatererlebnis – immerhin ein Erlebnis – aus gewisser Entfernung. In den Schmerz, der verhandelt wird, ist man nicht durchgehend eingemummt. Schauspielerisch, also handwerklich, ist das solide, am Schluss aber ohne tiefer gehende Irritation. Denn die pathetische Anrufung des „lieben Gotts“ durch Beckmann, wo er denn gewesen sei, als sein kleiner Sohn unter den Trümmern Hamburgs begraben wurde, ist nur rhetorisch; ein Gott hat mit Krieg nichts zu tun. Aber: Man sieht die Bombentrichter Hamburgs und denkt: Gaza. Das schockiert dann wirklich. Oder man hört die Klage des Kriegsheimkehrers: „Die Zahlen der Toten sind so lang, die haben mehr Nullen, als wir Finger an der Hand.“ Und denkt wieder: Gaza (75000), Südlibanon, Jemen, Somalia… Seine Tür stünde immer offen, sagt der Tod lakonisch, als Beckmann alle anderen Türen verschlossen bleiben. Die bei seiner Frau, die sich längst getröstet hat mit einem anderen. Die des beruflichen Neuanfangs, für den die Geschichte des Soldaten nicht lustig genug ist. Die des Mädchens, weil der Platz an ihrer Seite besetzt ist (mit einem Toten). Und auch die Verantwortung für eigenes Tun, für eigene Schuld, lässt sich nicht so einfach zurückgeben. Denn der Oberst hat sich längst wieder im neuen Wohlstandswunderland Bundesrepublik eingerichtet. War da was? Krieg? Nicht doch. Man schläft inzwischen schon lange wieder ruhig…

Das Mädchen versucht, Beckmann zu helfen

Das Mädchen versucht, Beckmann zu helfen

Ohne Frage, die Aufführung mit einer erfreulichen Ensembleleistung und Musik (Tilman Ritter), die manchmal Tribut an junges Publikum sein mag, ist ein Theater zur Zeit, obgleich bloßer Kommentar. Ein aufklärerischer, kalter Blick wäre hier und da angebrachter gewesen anstatt nur des Stakkatos der Szenen, die gegen Ende immer weniger Intensität entfalten. Trotzdem ist dieses „Draußen vor der Tür“ gegen eine geschichtsvergessene Gesellschaft angebracht. Weil nichts davon reine Vergangenheit ist.

Barbara Kaiser – 05. November 2026

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