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Lebensraum Garten – Naturnahes Gärtnern mit allen Sinnen

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Titelfoto: Karin Mayer

Warme Sonnenstrahlen spüren, zarten Blütenduft erschnuppern und dem vielstimmigen Summen fleißiger Insekten lauschen. Um den Sommer mit allen Sinnen zu genießen, muss man nicht mal raus in die Natur fahren – man kann die Natur auch einfach in den eigenen Garten oder auf den Balkon einladen. Wie das geht, konnten Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der „Tour de Artengarten“ Mitte Juni erfahren. Die Besitzerinnen und Besitzer dreier „Artengärten“ im Landkreis Uelzen öffneten ihre Tore und gaben spannende Einblicke und jede Menge Tipps rund um das naturnahe Gärtnern.

Das Projekt „Artengarten“ gibt es bereits seit 2020/21. Es wurde gegründet von Mitgliedern der Parents for Future, Uelzen und der Kreisgruppe des BUND e.V., Uelzen. Ihr Ziel war es, aktiv etwas für die ökologische Vielfalt hier vor Ort zu tun. Inzwischen haben sich die „Artengarten-Aktiven“ dem Naturgarten e.V. angeschlossen, der mit breitgefächertem Wissen zu allen Fragen der nachhaltigen Gartengestaltung unterstützt.

Um mehr Raum für Pflanzen und Tiere zu schaffen, muss man nicht gleich den ganzen Garten neugestalten. Schon kleine Veränderungen bringen viele Vorteile. Die Grundlagen des naturnahen Gärtnerns sind einfach. Im Mittelpunkt stehen heimische Pflanzen aller Art. Sie sind robust und bestens an das hiesige Klima und die Standortbedingungen angepasst. Außerdem bieten sie den heimischen Tierarten Nahrung und Lebensraum. Denn in einem Ökosystem haben sich Pflanzen und Tiere seit Jahrtausenden gemeinsam entwickelt und sind aufeinander angewiesen. Holen wir heimische Wildblumen und Stauden in unsere Gärten, ist es erstaunlich, wie viele Insekten, Vögel und Kleintiere nach kurzer Zeit folgen. Ein erster Schritt zum Artengarten ist das Anlegen einer Wildblumenwiese. Statt sich Woche für Woche mit dem Rasenmäher abzumühen, wird der Rasen nicht mehr gedüngt und gewässert, sondern nur noch zweimal pro Saison mit Sense oder Freischneider gemäht. Wer die natürliche Ansiedlung von Wiesenblumen beschleunigen möchte, kann anfangs spezielles Wildblumen-Saatgut ausbringen.

 

In kurzer Zeit steigert sich die Artenvielfalt um ein Vielfaches, der Pflegeaufwand reduziert sich auf ein Minimum. Schon eine kleine Wiese von 10 bis 20 Quadratmetern zeigt große Wirkung. Insekten lieben die Wiesenblumen nicht nur als Futterspender, sondern sind auch für ihre Vermehrung auf sie angewiesen. Viele Schmetterlingsarten haben sich auf eine oder mehrere Wildpflanzen spezialisiert, um dort ihre Kinderstube einzurichten, z.B. auf Brennnesseln oder bestimmte Gräser. Fehlen diese, finden die Raupen kein Futter. In der kalten Jahreszeit dienen die getrockneten Stängel als Winterquartier. Daher hilft es sehr, wenn man abgestorbene Stauden bis ins zeitige Frühjahr stehen lässt. Auch Laub- und Reisighaufen in einer versteckten Gartenecke sind ein wertvoller Unterschlupf für kleine Gartenbewohner.
Eine Wildgehölze-Hecke ist ebenfalls ein vielfältiger Lebensraum. Sie bezaubert über viele Monate mit Blüten, Duft und Früchten und dient zugleich als guter Sichtschutz zu den Nachbarn: Heckenrosen, Feldahorn, Felsenbirne, Apfeldorn, Winterschneeball, Weiden und viele andere bieten das ganze Jahr über Nahrung und Unterschlupf. Größere Bäume im Garten spenden Schatten. Sie sorgen für ein angenehmes Mikroklima im Sommer, sind das Zuhause unzähliger Tierarten und liefern uns Menschen bestenfalls noch eine leckere Ernte.
Wer nun Lust hat, noch weitere Biotope anzulegen, für den ist vielleicht eine Trockenmauer als Begrenzung von Terrasse oder Sitzplatz das Richtige. Oder eine Dachbegrünung von Carport oder Gartenhaus, mit trockenresistenten Pflanzen wie Mauerpfeffer, Fetthenne und Hauswurz.

Besonders faszinierend, gerade auch für Kinder, sind Mini-Teiche und kleine Feuchtbiotope. Dafür genügt schon eine alte Zink- oder Badewanne, die mit Kies und einigen Wasserpflanzen bepflanzt und regelmäßig mit Regenwasser nachgefüllt wird. Hier versammeln sich nicht nur Insekten und Vögel zum Trinken, mit etwas Glück siedelt sich auch bald ein Frosch an. Wichtig sind flache Steine oder ein Holzstück als Ausstieg für Tiere, die versehentlich ins Wasser geraten sind.

Verzichtet wird im Naturgarten auf alles, was giftig ist oder unnötig Ressourcen verbraucht. Also kein Torf, Kunstdünger oder Pestizide. Stattdessen wird mit Kompost gedüngt und die Erde zum Schutz vor Austrocknung mit Mulch (z.B. Grünschnitt) bedeckt. Brennnessel- oder Schachtelhalmbrühe sind natürliche Pflanzenstärkungsmittel und leicht selbst gemacht. Manchmal reicht auch einfach etwas Geduld. Statt den Blattläusen gleich mit Chemie zu Leibe zu rücken, kann man erstmal abwarten und beobachten: Marienkäfer legen dort bevorzugt ihre Eier ab, denn Blattläuse sind das Leibgericht der immer hungrigen Marienkäferlarven, die den Befall ganz natürlich eindämmen.

Neben Geduld ist Neugier eine der wichtigsten Eigenschaften erfolgreicher Naturgärtnerinnen und -gärtner, sind sich die Teilnehmenden bei der Tour de Artengarten einig. „Einen Garten legt man nicht an und dann ist er fertig“, erklärt Viola Vorwald, die ihren Garten in Suhlendorf für die „Tour de Artengarten“ geöffnet hat. „In der Natur ist alles eine beständige, kontinuierliche Entwicklung. Der Garten ist immer im Wandel, allein schon durch den Lauf der Jahreszeiten und das Wachstum der Pflanzen.“ In einem Naturgarten gibt es viel zu beobachten und auszuprobieren. Wer mit Offenheit und Freude dabei ist, hat die Chance, das Wechselspiel von Tieren und Pflanzen jeden Tag hautnah mitzuerleben. „Wenn man einmal damit anfängt, heimische Pflanzen in den eigenen Garten oder auf den Balkon zu holen, bekommt man immer mehr Gelegenheiten, Neues zu sehen und neue Erfahrungen zu machen“, ermutigt Christian Semmler, der die diesjährige „Tour de Artengarten“ zusammen mit Ruth Büthe-Kontokollias organisiert hat.
Alle, die sich für naturnahes Gärtnern interessieren, egal ob Neuling oder erfahrene Naturgärtner:innen, sind herzlich willkommen, sich beim „Artengarten“ einzubringen oder bei einer Gartenbesichtigung Tipps und Ideen für das eigene grüne Refugium zu bekommen. Die Abschlussveranstaltung am 28. September 2024, bei der die diesjährigen „Artengärten“ ausgezeichnet werden, ist für Neu-Interessierte eine ideale Gelegenheit, mit den Aktiven in Kontakt zu kommen.

[Elisabeth Hofmann]

Kontakt und Infos:

Regionalgruppe Nordost-Niedersachsen des Naturgarten e.V., Uelzen, artengarten@gmx.de oder
regiogruppe-nordost-niedersachsen@naturgarten.org
Tel. 0151-47 92 91 14 | www.naturgarten.org


Apps & Websites zur Pflanzenbestimmung:
Natura DB App, www.naturadb.de
Pl@ntNet App, www.identify.plantnet.org/de
Flora Incognita App, www.floraincognita.de

Zum Weiterlesen:
Marie-Luise Kreuter: Der Biogarten, BLV, 2019,
ISBN 978-3-8354-1693-2
Markus Gastl: Drei-Zonen-Garten. Vielfalt, Schönheit,
Nutzen, Verlag Dr. Friedrich Pfeil, 2015,
ISBN 978-3-89937-154-3

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