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Feuilleton

Ein Mädchen aus Algerien

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Merlin-Verlag Gifkendorf setzt erneut Statement mit dem Buch von Xavier Le Clerc

Sie war im Jahr 1845 erst sieben Jahre alt, als die Söldner kamen und ihr Dorf dem Erdboden gleichmachten. Für das Mädchen Zohra mit den leuchtenden Augen, das so gerne lachte und barfüßig auf den steinernen Wegen ihrer Heimat tanzte, war an diesem Tag das Leben zu Ende. Ihr abgeschlagener Kopf wurde etikettiert und lagert heute mit Tausenden anderen in Kisten und Regalen des Musée de l`Homme in Paris. Als „unveräußerliches Erbe Frankreichs“. Dabei ist das ein Erbe, auf das die Grande Nation unmöglich stolz sein kann! Die Nation, die mit den Worten „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ einmal die ganze Welt elektrisierte, war nichts weiter als eine brutale Kolonialmacht. Die das Recht, andere Völker zu unterjochen und auszubeuten nicht unbedingt aus einem Hass ihnen gegenüber zog, sondern „im viel heimtückischeren Gift des tiefen Überlegenheitsgefühls“. An dem viele Weiße, egal wo auf der Welt, bis heute festhalten.

Buch Rezension Zohra, Merlin VerlagXavier Le Clerc hat über Zohra ein Buch geschrieben. Er findet im Selbstgespräch, in der Selbstbefragung und im „Dialog“ mit dem kleinen Schädel dieses Kindes – ganz in der Art, wie Hamlet den Schädel des Hofnarren Yorick befragte – zu einer Art der Geschichtserläuterung und vielleicht auch zu einem Anstoß der Verarbeitung und Bewältigung. Nicht nur für das französische Volk, das sich seiner Kolonialgeschichte bis heute nur unzureichend gestellt hat. Die Publikation des Merlin-Verlages, der damit einmal mehr beweist, dass Bücher verlegen auch ein politisches Statement ist, heißt im Original „Le pain des Français“. Ich war versucht, vom Englischen herkommend, das mit „Der Schmerz Frankreichs“ zu übersetzen. Stimmt aber nicht, denn „pain“ heißt im Französischen „Brot“.

Und so beginnt das Buch mit der Weigerung eines Bäckers, dem Vater des Autors, der da noch ein Junge ist, Brot zu verkaufen. Er versäumt es dabei nicht, seine kalte Verachtung und überheblichen Hochmut zur Schau zu stellen: „Hier verkaufen wir das Brot der Franzosen nicht an Kameltreiber“, poltert er. Das war im Jahr 1986! Xavier Le Clerc versteht die Weigerung als das, was sie ist: Die gemeinsame Vergangenheit der weißen Franzosen mit Nordafrikanern und Schwarzen anzuerkennen. In seinem Buch „Zohra“ unternimmt der Junge von damals nun den Versuch, die Geschichte neu zu lesen, um zu verstehen, dass „französisches Gebäck … weiß gefärbt (wurde) durch die Asche, die beim Mahlen der verkohlten Knochen unserer Vorfahren entstand …. Dass die Rückstände dieser verfluchten Raffinerie als Dünger dienten und vor der Aussaat des Weizens verstreut wurden. Dass überall die Asche unserer Skelette die Felder nährte“, und dass folglich „wir das Brot der Franzosen sind!“ – Diese 120 Seiten sind ein erschütternder Befund. Vorgetragen jedoch ohne jegliche Larmoyanz, ausschließlich mit einer Würde, die ihnen die Kolonialherren überall auf der Welt bis heute (!) absprechen.

Xavier Le Clerc wurde als Hamid Aït-Taleb 1979 in der Kabylei, im Nordosten Algeriens, geboren. Da war Algerien bereits unabhängig geworden (1962). Der Vater wurde Arbeitsimmigrant, die Familie lebte in der Normandie. Dem Vater setzte der Autor bereits vor zwei Jahren ein Denkmal mit seinem Buch „Ein Mann ohne Titel“; es stand auf der Longlist des „Prix Premiere“. Der Junge nutzte alle Chancen, die es heute für Migranten nirgendwo in Europa so noch gibt, und steigt durch Bildung auf. Er studierte Soziologie und Literaturwissenschaft und wurde zu einem Schriftsteller, der poetisch und sensibel die Worte zu setzen weiß. Er ist aufmerksamer Beobachter, recherchiert Geschichte, verbindet sie mit Entwicklungen der Gegenwart. Deshalb ist die Erzählung über diese kleine Zohra auch ein brennend aktuelles Buch, obgleich es keine leichte Lektüre ist. Dabei wissen wir doch alle, wie Kolonialherren hausten in dem Bewusstsein, die überlegene „Rasse“ zu sein. Weil die Franzosen jedoch ihre Gräuel akribisch dokumentierten, gibt es jetzt dieses Musée  l’Homme, wo sich die Gebeine der Ermordeten stapeln. Es ist noch keine 200 Jahre her, dass die Soldateska in Algerien menschliche Ohren oder Köpfe sammelte. Derlei Blutspur zieht sich durch die menschliche Geschichte: „Zohra, deine Geschichte, die mit Fässern voll von Schädeln angefangen hat, wird ein Jahrhundert später fortgesetzt mit `Spezialkanistern`, Napalm, das aus einem Flugzeug… auf lebendig verbrannte Einwohner geworfen wurde…“

Xaver Le Clerc reist durch die Geschichte seines Volkes, zitiert Zeitgenossen, dokumentiert Ergebnisse von nicht gelungener Integration und wagt eine kühne These: „Wenn alle Eingeborenen die französische Staatsbürgerschaft und die gleichen Rechte erhalten hätten, vielleicht hätte es niemals einen Unabhängigkeitskrieg gegeben? Dann hätte mein Vater seine Berge nicht verlassen. Sicher wäre ich an der Universität Algier Professor geworden. Dann hätte ich dich niemals getroffen, Zohra…“ So verhalten sich Kolonialherren aber nicht. Und deshalb blieb und bleibt die Vision für die Vergangenheit Frankreichs und für unsere Gegenwart ein Traum. Wir können nach der Lektüre des Buches daran verzweifeln. Vielleicht aber auch ein wenig Hoffnung schöpfen, wenn Le Clerc sich wünscht, die Gebeine all der Ermordeten würden eines Tages in ihrer Heimat mit Würde bestattet werden. Vielleicht, weil Vergebung doch möglich ist, wenn beide Seiten sie wollen. Es sieht allerdings nicht danach aus.

Barbara Kaiser – 25. September 2026

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