Fotos. Barbara Kaiser
Kammerorchester Uelzen imaginierte unter dem Titel „Klangmalerei“ diverse Spaziergangszenen
Man denkt ja bei diesem Titel zuerst an Debussy oder Ravel, die uns das Wasser auf so unnachahmliche Weise durch Musik darstellten. Da glitzert, perlt und sprudelt es in den Noten, wie es ein Maler nicht besser auf die Leinwand bannen kann. Heiko Schlegel jedoch suchte seine Partituren sehr abseits des Gewohnten. Aber das sind die Zuhörer:innen bei ihm gewohnt. Seine Kammermusikkonzerte, die er seit inzwischen 26 Jahren verantwortet, treten keine Pfade weiter aus, sondern forsten sich durchs Dickicht des Unbekannten. Schlegel hat auch für das Jahreskonzert 2026 sehr abseits gesucht und ich gebe zu, nur Luigi Boccherini (1743-1805) gekannt zu haben. Die anderen waren allesamt Vertreter der Neuen und zeitgenössischen Musik, und nicht einmal Wikipedia wusste zu allen etwas zu vermelden. Zu Joaquin Rodrigo (1901-1999), Olli Mustonen (*1967), Eric Larsson (1908-1986) und Aldemaro Romero (1928-2007). Die zwei Konzertstunden starteten also italienisch, um nach Spanien, Finnland, Schweden und sogar Venezuela zu switchen. Aufregend neu allemal. Als Solisten hatte Schlegel Vivien Kohrs (Gitarre) und Wooah Kim (Fagott) verpflichtet. Das Kammerorchester, das ja normalerweise nur aus Streichern besteht, wurde aufs exquisiteste durch Blech und Holzbläser und sogar eine Harfe verstärkt.
Der Auftakt kam Boccherinis „La musica notturna delle strade di Madrid“ op. 30 Nr. 6 zu, also der Nachtmusik der Straßen von Madrid. Dort gab es im 18. Jahrhundert wenigstens noch keine Automobile, und die Pferdekutschen werden auch im Stall gewesen sein. Die Partitur ist eine Melange aus Kirchenglocken, Volkstänzen, Nachtlebengeräuschen und dem Signal der Garde, dass die Ausgangssperre nur einträte. Gut, ich hatte mir das Madrider Nachtleben ein wenig temperamentvoller vorgestellt, aber die meisten sind eben doch am Abend von des Tages Müh müde. Das Orchester malte die Szenen mit satter Sinnlichkeit und Delikatesse. Erläuterungsfleißig auch. Vielleicht führte hier auch noch ein wenig die Anspannung und das Lampenfieber den Bogen, aber alles kam freundlich und akkurat im Publikum an.
Der Finne Olli Mustonen ließ sich von der alten Kirche bei Petäjävesi inspirieren, die er im Jahr 2006 besuchte und die UNESCO-Welterbe ist. Die Holzkirche wurde 1763/64 gebaut – man stelle sich dieses Bautempo nur einmal vor! Der Komponist versinnbildlicht das Gewusel der Bauarbeiter, begegnet Heiligen und Dämonen. Es sind aufregende Noten, die das Kammerorchester, das ja ein Laienorchester ist, fern jeder Unbedarftheit sehr eindringlich zu Gehör brachte. In einem ganz eigenen Ton, zwischen hinreißend leisen Passagen und Dissonanzen, die wohlige Schauer jagen. Am Ende in der beruhigenden Überzeugung, alle Dämonen vertrieben zu haben. Heiko Schlegel hielt die Instrumentengruppen stringent zusammen. Nichts klapperte nach. Es war eine Musik zwischen romantischem Brausen und auch mal schräger Härte – alle Musiker:innen fungierten bedachtsam genau in vollem farbigen Klang.
Nach der Pause stand das Concertino für Orchester und Fagott von Erik Larsson auf dem Programm. Das Fagott, das auch der „Spaßmacher im Orchester“ genannt wird, bekommt ja viel zu selten mal ein Solo. Von Dvořak gibt es noch ein schönes Konzert, aber dann muss man schon lange suchen. Die Südkoreanerin Wooah Kim (*1999) war die kongeniale Solistin für die drei ineinander übergehenden Sätze Allegro-Larghetto-Allegro. Sie spielte mit einer wunderbaren Leichtigkeit, die dem ansonsten immer brummenden Fagott zu widersprechen scheint. Das war Musik wie funkelnde Augen, mit Dynamik und in angenehm zügigem Tempo. Zauberhaft.
Den Schluss bildete die Fuga con Pajarillo (was „kleiner Vogel“ heißt) von Romero. Eine Fuge macht immer Spaß, und hier sah man dem Orchester die Spielfreude auch an. Oder es war auch ein Quäntchen Erleichterung, das nicht unkomplizierte Programm so gut gemeistert zu haben. Es wurde ein Sound produziert von schöner Eleganz und Schmiegsamkeit, auch wenn man den Aufbau beispielsweise einer Bachschen Fuge hier vergeblich suchte.
Am Ende gab es ganz langen Beifall und natürlich eine Zugabe. Es waren schöne Konzertstunden, die wieder einmal bewiesen, dass Musikgenuss sich aus ganz vielen neuen Erfahrungen speisen kann und nicht bei Mozart, Beethoven, Schumann und Brahms aufhört. Und dass diese sehr neue zeitgenössische Musik überhaupt nicht unhörbar-ungenießbar war, konnte wiederholt die zusätzliche Erkenntnis sein.
Barbara Kaiser – 21. September 2026