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Feuilleton

Sphärische Klänge

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Fotos: Barbara Kaiser

Das 7. St.-Marien-Sommerkonzert schwebte durch den ganzen Kirchenraum

Es gibt ca. 50 000 Orgeln in Deutschland und das Spiel darauf sowie der Orgelbau sind seit 2017 immaterielles Weltkulturerbe. Das wunderbare Instrument von St. Marien zählt da sicherlich mit, die beiden Orgeln, die die beiden Gäste im siebten Sommerkonzert dabeihatten, ganz bestimmt nicht. Volker Jaekel und Gerd Anklam spielten auf der Empore genauso, wie im Hohen Chor; beherrschten das Portativ, die tragbare Orgel aus dem 13. Jahrhundert – das Instrument von Volker Jaekel ist eine Kopie davon – genauso wie die Sheng, eine chinesische Mundorgel, die man seit 3000 Jahren kennt und die Gerd Anklam neben seinen Saxofonen zum Klingen brachte. Die Saxofontöne des Beginnens schwebten durch den Raum, ehe die Orgel brummend einfiel. Mehr (Atmo)Sphäre geht nicht. Die Noten von Giovanni Palestrina leuchteten und glänzten festlich. Und wie die beiden Instrumentalisten über diese Distanz Kongruenz zu bewahren in der Lage sind – Chapeau! Das Sopran-Saxofon darf Bach-Trompete imaginieren. Schon für dieses erste Stück hatte sich das Kommen gelohnt.

Volker Jaekel und Gerd Anhalt sind weltweit musikalisch unterwegs mit ihren Programmen, die sie immer erst zusammenstellen, wenn sie den Ort des Auftritts kennen, weil sie abhängig sind von eigener Stimmung und Raumklang. In St. Marien dürften sie da überhaupt keine Probleme gehabt haben. Und so gab es nach dem Palestrina zwei Lutherlieder, „Mein Gemüt ist mir verwirret“ und „Verleih uns Frieden gnädiglich“. Letzteres, das betonen die Gäste, sei ihnen in diesen Zeiten sehr wichtig. Künstler mit Haltung! Und so wie die vorhandenen Partituren immer bearbeitet wurden, gab es daneben viele Eigenkompositionen. Zum Beispiel drei Stücke aus der Zeit von Auftritten auf dem Darß: „Hier und dort“. „Abendstimmung“ und „Nachtblau“.

Das Duo musizierte mit satter Sinnlichkeit und Delikatesse, schönem Sentiment und daunenweich gefedert. Die von Empathie durchdrungene Darstellung torpedierte auch frech die Erwartungen, mit schönem Ehrgeiz am Zerstören (und wieder Zusammensetzen). Bei diesem Musikfest, denn das war es, ein Fest, sind beste Programmierer am Werke. Die sich aufeinander verlassen können und ein Miteinander hervorbringen, das entzückt.

Musik sei die Stenografie des Gefühls, wusste Lew Tolstoi. Der musste es wissen mit seinen Erfahrungen, Stichwort „Kreutzersonate“. In der St.-Marien-Konzertstunde blieb einem nichts, als die Augen zu schließen und zu fühlen. Es war wirklich eine neue Klangerfahrung. Dass sich das Portativ, mit Minimanual und Blasebalg, wie vom Minnesänger anhörte und man an Walter von der Vogelweide oder Gottfried von Straßburg dachte. Wenn sich das Orgelsolo in ein Accelerando steigert, nicht mal schneller werdend, sondern ins Forte gleitend, um danach wieder zu verwehen. Oder das Bariton-Saxofon am Ende den Piazolla-Tango darbietet. Es war wirklich ein Erlebnis.

Am kommenden Samstag, 22. August 2026, lädt die St.-Marien-Kantorei zu ihrem Jubiläumskonzert. 75 Jahre gilt es zu feiern unter dem Motto „In allen (Lebens)Lagen). Und das ist dann auch schon das vorletzte Sommerkonzert in diesem Jahr!

Barbara Kaiser – 17. August 2026