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Feuilleton

Ab auf die Couch!

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Katerina Poladjan und Charles Lewinsky schicken ihre Leser

Es scheint aktuell, dass die Schriftsteller der Gegenwart sich selbst und ihre Leserinnen und Leser zur Psychoanalyse schicken. Liegt vielleicht an der Weltlage. Obwohl die beiden, die da bei Katerina Poladjan und Charles Lewinsky auf der Couch liegen, eher Angst vor der Vergangenheit haben als vor der Zukunft. Es geht um Erlebtes, Verdrängtes, Unterlassenes. Um was-wäre-gewesen-wenn und man-hätte-es-anders-machen-können. Katerina Poladjan gewann mit „Goldstrand“ immerhin den Preis der Leipziger Buchmesse. Wenn ich ehrlich bin: Es erschließt sich mir nicht, warum. Ganz anders dagegen Charles Lewinskys „Eine andere Geschichte“. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, regelmäßig hier auf dieser Seite unterwegs sind, wissen Sie, dass ich diesem Schweizer Autor schon so manchen Lorbeerkranz wand. Für atemberaubende Literatur.

Aber der Reihe nach. Beide Bücher verhandelt dieselbe Zeit, beginnend um 1920. Die Spanne bemisst sich an der Lebenszeit des Menschen allgemein. Aber während man bei Poladjan am Ende ziemlich ratlos steht, sich fragt, was das Ganze sollte, man sich bis zum Schluss nicht so recht in der Familiengeschichte zurechtfand – saugt einen der Lewinsky förmlich ein. Katerina Poladjan bedient erneut das Rezept, mit dem sie für „Zukunftsmusik“ Erfolge feierte: Szenen zwischen einer unwirklich-schwebenden Atmosphäre und dem (magischen) Surrealismus. Manchmal zwischen Traum und Wirklichkeit. Am Ende ist allemal Hoffnung. Sie wechselt die Erzählperspektive, was eher störend ist und den Gang der Geschichte unterbricht. Anstatt den „Patienten“ auf der Couch reden zu lassen, zerreißt sie alles durch Bekenntnisse des Beobachters von außen. Das ist kein Positionswechseln, was vielleicht noch Sinn machte, sondern eine andere Art des Erzählens. Das erledigt die Dramaturgie, wenn das Buch denn eine hat. Lassen Sie sich also nicht von Preisgekröntem vereinnahmen, ich habe das Buch ohne jeglichen Gewinn gelesen!

Charles Lewinsky dagegen schrieb sich ein weiteres Mal in mein Herz, mein Verständnis von Geschichte, in die Seele. Da kommt Ende der 1950er Jahre ein einst bekannter Filmproduzent (Curtis Melnitz gab es wirklich, Lewinsky hatte als kleiner Junge von ihm gehört durch die Großmutter) zum Psychiater und verlangt seine Pillen gegen die Alpträume, die ihm sein Hausarzt inzwischen verweigert. Natürlich bekommt er die nicht so ohne Weiteres; und so beginnt ein Monolog, mit dem sich der Mann, inzwischen über 80, freischwimmt, sich erinnert, „Eiterbeulen aufsticht“, dass es wehtut. Aber Reden heilt auch. Lewinsky hat hier ein Meisterstück abgeliefert. Er lässt seinen Melnitz schwadronieren, räsonieren, erzählen, deuten, sich um die Wahrheit herumschummeln. Imaginäre Einwürfe des Therapeuten nimmt er geschickt in den Redefluss auf. Das ist große Literatur, und man wünschte sich immer, wenn der Patient abwiegelt und sagt „das ist eine andere Geschichte“, dass er die doch bitte auch erzählen möge.

Die deutsche Sprache unterscheidet zwischen Wörtern und Worten, sagte Botho Strauß einmal. „…sodaß wir eine Unmenge Wörter brauchen, um einige Worte zu sagen.“ Für Charles Lewinsky scheint es nur „Worte“ zu geben, keine Füllmengen, die Texte so langweilig machen. Bei ihm sind teilnehmende Distanz und ein wunderbarer Sarkasmus, die dem Geschehen einen unverwechselbaren Klang verleihen. Und wenn man ganz am Ende erfährt, was denn die Alpträume von Melnitz auslöste, steht man wie vor den Kopf geschlagen; von Tempo 200 auf null. Es ist ein unglaubliches Buch!

Es gibt noch eine Publikation, die mich in den letzten Wochen tief beeindruckt hat: Ledicia Costas’ „Schande“ aus dem Merlin Verlag, der damit wieder einmal sein Gespür für gute Bücher bewies.

Barbara Kaiser

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