Fotos: Barbara Kaiser
Uelzener Wiederbelebung des „Literarischen Quartetts“ erlebt seine dritte Runde
Zuerst die Meckerecke: Es war eine schlechte Idee, diese Buchvorstellungen im Gartentheater des Neuen Schauspielhauses an der Rosenmauer stattfinden zu lassen. So hatten die vier Protagonisten auf der Bühne starke Konkurrenz durch den Straßenlärm der Ringstraße und den phonstarken Gesang der Vögel (die Mönchsgrasmücke ist wohl derzeit der größte Krawallmacher). Und immerzu die Ohren zu spitzen ist sehr anstrengend. Obendrein war der intimere Rahmen, der einer Lesung immer gut tut, quasi nicht existent, was insgesamt schade war. Denn Edita Kroß (Johanniterhilfsgemeinschaft Lüneburg), Ute Lange-Brachmann (lange Jahre Kulturveranstalterin in Uelzen/Soroptimisten), Otto Lukat (bis 2014 Bürgermeister der Stadt/Lion`s Club) und Dr. Jan König (Ideengeber der Reihe/Rotary) hatten eine Menge zu sagen, indem sie jeder ein Buch vorstellten. Ganz wie es Marcel Reich-Ranicki dereinst getan hatte. Der besaß damit die Macht, den Daumen nach oben oder unten zu zeigen für einen Text, dessen Absatzzahlen zu pushen oder das Buch zum Ladenhüter verkommen zu lassen. Das passierte manchmal auch einseitig, denn Literatur ist doch auch Geschmackssache.
Nichtsdestotrotz begann Dr. Jan König mit einem Reich-Ranicki-Zitat, denn der Mann produzierte neben seinen Elogen auch sehr kluge Gedanken! Für alle Freunde der Literatur etabliert sich diese Reihe offenbar; und Uelzen scheint zahlreiche Freunde der Literatur zu haben, denn das Gartentheater war sehr gut besetzt. Und eine exquisite Vorbereitung der vier Diskussionspartner war unübersehbar.
König begann den Reigen mit „Im Schnee“ von Tommie Goetz. Die Geschichte um den alten Max und die Dorfbewohner sei keine „Dorfgeschichte“, war König überzeugt. „Der Autor komponiert den Text so meisterhaft, dass der ein ständiges Störgefühl hat, dass man sich nicht wohlfühlt.“ Das ausgewählte Textbeispiel bestätigt es und führte das Ambiente plastisch vors Ohr der Zuhörer. Otto Lukat fand, „Im Schnee“ sei das Highlight des Abends. Für Edita Kroß war das Buch auch „gesellschaftspolitisch brisant“, weil derlei Situationen überall passieren (können). Ute Lange-Brachmann nannte es „soziologisch“, weil die „moderne auf die alte Welt trifft“. Offenbar gibt es dabei mehrere Gegenpole: Stadt gegen Land, Jung gegen Alt, Moderne gegen Tradition, Liberalität gegen Konservativität bis zum Reaktionismus.
Als Zweite stellt Edita Kroß „Das glückliche Geheimnis“ von Arno Geiger vor. Die Geschichte, in der ein junger Mann, der Schriftsteller werden will, im Establishment ankommt, was er eigentlich gar nicht will, weil er nicht am Leben vorbeischreiben möchte. Der Rezensent der „Zeit“ habe das Buch „großartig beiläufig, warmherzig und klug“ genannt, berichtete Kroß. Für sie sei es „ein Porträt eines Schriftstellers, mit dem ich befreundet sein möchte“. Das ist eigentlich ein großes Kompliment.
Sprachen über vier Bücher: Dr. Jan König, der Erfinder der Reihe, Edita Kroß, Ute Lange-Brachmann und Otto Lukat (von links)
Lange-Brachmann und Lukat widersprachen der Euphorie von Kroß. Ihr sei das Buch „auf die Nerven gegangen“, sagte Lange-Brachmann, weil „er nur auf sich fokussiert“. Zudem habe der Roman „keine Metaebene“. Gut, man kann auch gut erzählen ohne doppelten Boden. Ohne das Buch zu kennen muss ich allerdings sagen, dass ich mit Arno Geiger noch nie etwas anfangen konnte. Weder mit dem „Alten König in seinem Exil“, wo Geiger die Demenzerkrankung seines Vaters seziert, noch mit „Unter der Drachenwand“, der Geschichte junger Menschen im Krieg. Das war auch alles ziemlich eindimensional. Aber wie gesagt: Literatur ist Geschmackssache.
An diesem Abend wurden zudem „Eine Frage des Formats“ von Lea Singer vorgestellt, dieser Roman über Queen Elisabeth II. und den Maler ihres Porträts. Und Steffen Kopetzkys „Die Harzreise“ wurde besprochen. Der Schriftsteller begab sich 200 Jahre nach Heinrich Heines auf Spurensuche, wanderte die Strecke nach und erfuhr eine Menge über das heutige Deutschland. Vielleicht ist es eine Art „Der Grenzgänger“ 2.0, diese Publikation von Landolf Scherzer, der im Jahr 2005 entlang der deutsch-deutschen Grenze wanderte und Fragen stellte.–
Allerdings habe ich, ehrlicherweise sei das angemerkt, die Veranstaltung in der Pause verlassen. Da waren meine Ohren müde und vor den Mücken hatte ich auch Angst… Aber: Ein sehr schönes Format hat Dr. Jan König da aus der Taufe gehoben vor drei Jahren. Die Diskussion zu den Büchern war von allen oben auf dem Podium ehrlich, kundig, unterhaltsam und intelligent auch. Manchmal kontrovers, aber nie rechthaberisch. Man darf auf die nächste Ausgabe gespannt sein.
Barbara Kaiser – 30. Juni 2026