Ton, Steine, Scherben – Anni Major

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Fotos: Barbara Kaiser

Im Museum Uelzen kann man Bundesfreiwilligendienst leisten

Am Schluss jedes geführten Interviews habe ich in meiner langjährigen Arbeit die Gesprächspartner immer gefragt: Was wollen Sie noch sagen? Was ist Ihnen wichtig, dass es unbedingt erwähnt gehört? Bei Anni Major, der Bundesfreiwilligendienstleistenden (Bufdi) im Museum Uelzen, kommt die Antwort sehr schnell: „Unbedingt muss ich das Team erwähnen. Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen, durfte alles fragen und überall mitmachen. Ich habe was fürs Leben gelernt und liebe es jeden Tag, zur Arbeit zu kommen.“ Ist das ein Bekenntnis! Dr. Ulrich Brohm, Heike Thiele und die zahlreichen Ehrenamtlichen werden es sehr gerne hören. Denn niemand wird das, was er ist, ohne die Menschen um ihn herum. Aber das Haus an der Bahnhofstraße hatte ja bereits im Jahr davor solch Glück mit einem engagierten, einsatzfreudigen und freundlichen „Bufdi“, David Häberle hieß er.

Wer ist Anni Major und was macht sie im Museum Uelzen? Geboren im August 2006 in Hamburg, absolviert sie das Fachabitur an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Seevetal. Ihre Leistungskurse waren Geschichte, Erdkunde und Englisch. Ein Auslandsjahr hat sie in den USA verbracht. Aber: „Ich wollte arbeiten“, sagt die 19-Jährige. Dabei ist ihre Liebe zum Handwerklich-Haptischen in Verbindung mit der Geschichte eine frühe Leidenschaft. So kommt man an die Archäologie. Folgerichtig mag sie die Scherben, die Kreisarchäologe Dr. Fred Mahler und seine Vorgänger in Veerßen ausgruben, besonders; es sind aber auch schöne Stücke dabei.

An der Ausstellung historischer Requisiten und anderer Rückstände gelebten Lebens entzündet sich unsere Fantasie; aber kann aus kaltem Material ein Funken aus längst Erloschenem, Veraltetem geschlagen werden? Die Dinge überleben uns, aber sie brauchen, damit wir uns noch einmal in der Nähe ihrer einstigen Bedeutung fühlen können, eines immerwährenden erzählenden Gedächtnisses. Ein Ding, zur Ausstellung gebracht, zeigt nicht nur sich selbst, das wäre zu banal, es ruft in uns einen Text ab, stellt Fragen. – Anni Major will sich nun der Geschichte widmen, die schon lange aus der Rufweite verschwunden ist. Dass man dennoch eine Menge durch deren Hinterlassenschaften erzählen kann, beweist jedes gute Museum. Das Uelzener gehört seit seinem Umzug und seiner Neugestaltung unbedingt dazu.

„Neu in der Sammlung“ wird jedes Jahr eine Ausstellung heißen.

Etwas für das „erzählende Gedächtnis“ tut auch Anni Major. Sie inventarisiert Gegenstände, baut Ausstellungen mit auf und darf Führungen für Kinder betreuen. „Kinder brauchen persönliche Nähe und die zum Gegenstand“, weiß sie. Und sie hat erfahren, dass die Jüngsten die Zuckerfabrik besonders spannend finden und die Sütterlin-Schrift. Wer hätte das gedacht! Weil diese Schriftzeichen geheimnisvoller aussehen als eine Smartphone-Tastatur? Das wäre nun wirklich Tatsache. Im Mai hat Anni Major im Rahmen der Seminare, die zu einem Bundesfreiwilligendienst gehören, eine Woche in Polen verbracht, in einem deutschen Konzentrationslager geforscht. Zu diesem Abschnitt deutscher Geschichte scheint das immerwährende erzählende Gedächtnis besonders nötig, wie die Gegenwart zeigt. Weil sonst passiert, wie es schon George Orwell in seinem Roman „1984“ schrieb: „Wenn alle anderen die Lüge glaubten, wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten, dann ginge die Lüge in die Geschichte ein und würde Wahrheit.“

Vielleicht wäre das Buch eine Literaturempfehlung für die 19-Jährige? Gerade wenn man sich mit Geschichte beschäftigen will und wird? Auch, weil man eigene Lebenserfahrung manchmal durch Bücher, die man liest, bricht. – Nach Beendigung des Bundesfreiwilligendienstes im September möchte die dann 20-Jährige ein weiteres Jahr praktische Arbeit absolvieren, in einer Restaurationswerkstatt. Um darauf aufbauend ein einschlägiges Studium zu beginnen. Darin wird es dann um Stein, Metall, Keramik gehen und um die Fähigkeiten und Fertigkeiten unserer Vorfahren, die vor 5000 Jahren (plus minus) gelebt haben.

Anni Major hat das Selbstbewusstsein der Jugend. Angenehm ist, dass sie um ihre Leerstellen weiß, dass sie dieses lesen müsste und von jenem gehört haben könnte. Aber sie ist begierig, dazuzulernen, vielleicht auch, ihre Meinung mal zu korrigieren. Nach ihrem Lieblingsstück in der aktuellen Ausstellung „Neu in der Sammlung“ befragt, verweist sie sofort auf das Bild von Georg Wolf „Reitergefecht im I. Weltkrieg“. Es ist ein ganz und gar untypischer Wolf, dessen Schaffen man meist nur als Ölschinken kennt. Diese Szene besitzt eine Leichtigkeit, die zu einer ungeheuren Ästhetik gerinnt und damit im schreienden Widerspruch zur Grausamkeit des Krieges steht. Dazu kommt eine für Wolf absolut ungewöhnliche Farbigkeit und Dynamik. Deshalb liebt Anni Major dieses Bild; und man kann ihr nur zustimmen. Das Format „Neu in der Sammlung“ wird übrigens ein wiederkehrendes sein – immer im Frühjahr stellt das Museum Neuerwerbungen vor, ehe sie im Depot ihren Platz finden. Das klingt nach einer wunderbaren Idee.

Im „UeMu“ wird also, was keiner bezweifelte, gearbeitet. Dass diese Arbeit auch junge Menschen interessiert, ist erfreulich. Am Internationalen Museumstag im Mai wurde eine neue interaktive Station für Kinder und Erwachsene eröffnet. Gehen Sie hin!

Barbara Kaiser