Ein Tanz zwischen 9135 Sternen

Der Sternprojektor „Universarium“ (Foto: Stefan Harnisch)

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Ein Besuch im jetzt 100-jährigen Zeiss-Planetarium Jena

Es dauert gar nicht lange, da schwebt und fliegt der bequeme Sessel durchs Universum. Da dreht sich das Firmament durch die 9135 mit dem bloßen Auge von der Erde aus wahrnehmbaren Sterne, geschickt dem nächsten Asteroiden ausweichend. Trotzdem zieht man instinktiv den Kopf ein. Es ist ein unglaubliches Erlebnis: Optisch, akustisch, emotional.

Ich war nach gefühlten Ewigkeiten wieder einmal im Planetarium meiner Heimatstadt. Als alte Jenaerin ist das eigentlich ein Skandal, aber mein letzter Besuch (als Studentin) macht mir heute noch Schwindelgefühle. Die kamen damals nicht von den optischen Eindrücken, sondern von einer nachwirkenden feucht-fröhlichen Feier des Vortages. Diese Erfahrung ließ mich das Haus seitdem konsequent meiden.

Das Planetarium mit neuer grüner Kuppel (Foto: W. Don Eck)

Wissenschaft erlebbar gemacht bekommt man ja heutzutage an vielen Stellen – im Planetarium Jena aber seit 100 Jahren. Im Sommer wurde gefeiert. – Als im Jahr 1912 Oskar von Miller vom Deutschen Museum die Idee für ein „Großes Planetarium“ hatte, konnte der nicht ahnen, welche Erfolgsgeschichte er anstieß. Den Auftrag erhielt das renommierte Werk in der Saalestadt, Carl Zeiss hatte von hier aus das Licht in die ganze Welt geschickt und mit Ernst Abbé ein neues Kapitel der Optik geschrieben. Ein Walter Bauersfeld, dessen Name heute wohl kaum einer kennt, entwarf im Jahr 1919 den Projektor, 1924 gab es eine öffentliche Testvorführung vor 80 000 Zuschauern. Inzwischen war auch die heute noch so markante Kuppel des Hauses entstanden, die mit 23 Metern Innendurchmesser das Erlebnis Planetarium prägt. Unter der man so ziemlich alles lernen und erfahren kann, was mit dem unendlichen Weltall zu tun hat. Natürlich passiert das nach einem Jahrhundert nicht mehr mit dem Projektor von Herrn Bauersfeld! Nachdem die anderen vier Großplanetarien in München, Wuppertal-Barmen, Leipzig und Düsseldorf im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, blieb Jena als einziges übrig. Es wurde 1984/85 rekonstruiert und erweitert und in den Jahren 1996, 2011, 2017 und 2025 bekam es die jeweils neuesten Projektoren. Der jetzige trägt den Namen „Universarium“ und schafft eine Projektion aus Licht und Realität. Wobei die Grenzen nicht wahrnehmbar sind – siehe oben. So wie hier müssen sich alle Kosmonauten und Astronauten gefühlt haben.

Impression aus „Space Tour“ (Foto: Stefan Harnisch, Robert Sawallisch)

Ich hatte mir unter den zahlreichen Programmen das „Stars of Classic“ ausgesucht. Versprochen wurde eine Zeitreise vom Beginn des Universums bis in die Zukunft. Erzählt würde werden über die Geburt der Galaxien und Sterne, über kosmische Gefahren wie Asteroiden, Schwarze Löcher oder Kometen. Die ganze Geschichte erführe der werte Zuschauer zu klassischer Musik von Beethoven, Vivaldi, Grieg oder Tschaikowsky. – Und dann ging es auch schon los: Mit dem Urknall und natürlich den beeindruckenden Tönen von Richard Strauss` „Also sprach Zarathustra“. Sie wissen schon, liebe Leserinnen und Leser, das ist der Blechkrawall mit ganz viel Pauken! So passiert der grelle Blitz des Urknalls – ist es Ironie der Menschheitsgeschichte, dass eine Atomexplosion genauso aussieht? Vom Nichts zum All – die kosmischen Gaswolken ballen sich, die ersten Sterne entstehen. Dazu ertönt die zarte Morgenstimmung aus der „Peer Gynt“-Suite von Edvard Grieg. Und als wir an der Stelle ankommen, an der die Erde sich vom Feuerball zum heutigen Blauen Planeten wandelt, klingt der Anfang von Bedrich Smetanas „Moldau“ auf. Da habe ich längst einen großen Kloß im Hals, das gebe ich zu. Weil alles so beeindruckend ist, so überwältigend, so schön. Und doch ahnt man etwas vom Fragilen dieses kosmischen Gleichgewichts, denn die Gefahren aus dem All werden nicht verschwiegen. Die sind immens. Vom Selbstzerstörungspotenzial der Menschheit redet da gar keiner! Das Chaos der Asteroideneinschläge kommt mit Vivaldi daher, den Kommentar, dass die sterbende Sonne in 4,6 Milliarden Jahren die Erde verschlingen und der Andromeda-Nebel mit der Milchstraße kollidieren wird, braucht`s da gar nicht mehr…

Beim Hinausgehen nach einer knappen Stunde sagt ein Besucher ziemlich erleichtert, er sei aber entschieden froh, heute zu leben. – Alle Zivilisationen werden Raumfahrer oder sie sterben aus, heißt es. Die Zukunftsvision von einem Leben auf dem Mars ist aber wenig erfreulich, jedenfalls optisch. Auch der Raumfahrtpionier Konstantin Ziolkowski wusste es: „Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber man kann nicht ewig in der Wiege leben.“ Aber trotzdem war ich ein weiteres Mal sehr zufrieden, in diesem Jahrhundert zu sein.  Bei all seinen Problemen, Schwierigkeiten, Ungerechtigkeiten, geweissagten Dystopien. Gehen Sie ins Planetarium, liebe Leserinnen und Leser, man wird dort unterhalten, gebildet und – geerdet.

www.planetarium-jena.de

Barbara Kaiser – 06. Oktober 2026