Fotos: Barbara Kaiser
Was einem Sticker-Statements einbringen können
Wir tragen ja alle irgendwelche Ansichten mehr oder weniger vor uns her: Als Schriftzug auf dem T-Shirt, als Button auf Taschen, als Aufkleber auf E-Geräten. Es sind Bekenntnisse zum Lachen, Nachdenken oder auch Fremdschämen. So kreuzte vor ein paar Jahren am sonnigen Ostseestrand ein Mitbürger meine Wege, auf dessen Shirt zu lesen war: „Warum ich so braun bin? Weil es mir hier zu bunt wird“. Ehe die Botschaft vollständig in meinem Urlaubsmodus-Hirn angekommen war, war er schon vorbei. Ich konnte ihn nicht mal wenigstens anfunkeln, um zu zeigen, was ich von diesem Spruch hielt. Auf einem meiner Urlaubsoberteile dagegen steht „Tax the rich“. Das brachte mir schon lachenden Zuspruch ein – ebendort, wo der braune Herr stolzierte – und eine ein wenig herablassende Frage einer Britin in einem Hotelfahrstuhl. „Where do you come from?“, fragte sie ein wenig pikiert nach einem abschätzigen Blick. Wahrscheinlich gehörte sie zu der Klientel, die man besteuern sollte?
Auf meiner Fototasche prangt ein Button, der mehr als 50 Jahre alt ist: 1000 Jahre Weimar – 1975. Und frei nach Goethe: Ich kann sagen, ich bin dabei gewesen! Meine Autoschildträger werben nicht für irgendeinen Händler der Branche, sondern für „Die Macht aus Thüringen“, den Fußballclub, wo ich auch Mitglied bin. Der allerdings von einer Macht noch ein Stückchen entfernt ist. Aber das wird schon noch. Für den Sticker auf meinem Handy allerdings erntete ich die vielfältigsten Reaktionen. „I stand with Palestine“ steht dort, zusammen mit einem Herz in den Farben des Landes, das Deutschland sich weigert anzuerkennen. Manche lesen es, denn natürlich lege ich mein Smartphone provokativ immer mit dieser Seite nach oben, das gebe ich zu! – und drücken sich um eine Aussage herum. Verschämter Blick und weggucken. Ja, man wird hierzulande mit derlei Bekenntnissen in Ecken gestellt, die Totschlagargumente sind. Warum messen wir mit zweierlei Maß und fegen 70 000 Tote im Gazastreifen unter den Teppich? Der Karnevalsumzug im Rheinland hatte einen Wagen mit Putin, in Sträflingsdress und bluttriefenden Händen. Fanden wohl alle gut. Was wäre passiert, führe der andere Staatsmann, gegen den es auch einen internationalen Haftbefehl gibt, in ähnlichem Outfit gleich hinterher?
Aber das wollte ich nicht erzählen. Als ich mit meinem Handy im fernen Nordafrika das Buffet fotografieren wollte, sah ein Kellner den Sticker, nahm mir das Gerät aus der Hand, stieß seinen Kollegen an und beide strahlten mich an. Daumen hoch – und danach wollten sie natürlich mit aufs Bild. Und auf der Heimreise, in der Schlange am Check-in-Schalter, an dem man alle elektronischen Geräte in eine Schale legen muss, traf mich plötzlich das warmherzigste Lächeln seit Jahren: Ein arabisches Mütterchen schaute in meine Schale, dann in mein Gesicht – und die Übereinkunft war spürbar. Ganz ohne Worte. Gerne hätte ich sie in den Arm genommen…
Barbara Kaiser