„Schande“ ist ein bemerkenswertes und hochaktuelles Buch von Ledicia Costas
Am Ende ist ein klein bisschen Hoffnung. Nach 260 Seiten besteht die Chance, dass die Täter ihren Richter finden, den Opfern ein Leben in Würde möglich sein wird. Das Buch „Schande“ von Ledicia Costas, mit dem der Merlin Verlag Gifkendorf ein weiteres Mal sein ausgezeichnetes Gespür für gute Literatur jenseits aller Top-Ten-Listen beweist, ist als Thriller ausgeschrieben. Aber eigentlich ist es das Psychogramm einer kleinstädtischen Gemeinschaft. In Merlo hat sich vor 25 Jahren ein Verbrechen ereignet, zwei Schwestern, 14 und sechs Jahre alt, verschwanden gleichzeitig. Ohne eine Spur bis heute. In der Gedenkveranstaltung anlässlich des traurigen Jubiläums sitzen die Täter mittendrin…
Worum geht es: Emma, Strafrechtsprofessorin, nimmt vertretungsweise den Kursus an der Universität dieser kleinen Stadt an, weil sie eine Distanz zu Mario schaffen will, der auch nach acht Jahren heimlichen Verhältnisses nicht den Mut aufbrachte, sich von seiner Frau zu trennen. Und weil Emma eine von den ehrlichen, aufrichtigen ist, erträgt sie die Heuchelei und die Lüge nicht länger. Es sind ja meist die Frauen, die solchen Verhältnissen ein Ende machen. Emma ist auch in ihrer Arbeit nicht bereit zu faulen Kompromissen. In ihrer Antrittsrede vor den Studierenden sagt sie: „Meine Aufgabe hier ist es, in Ihnen den nötigen Funken zu entzünden, damit dieser Jahrgang großartige Strafverteidiger hervorbringt. Dieses Land braucht große Strafrechtler, um die soziale Krise zu überwinden, in der wir uns befinden. Eine Krise, die durch die sozioökonomischen Verbrechen der Machthaber angeheizt wird.“
So kommt die couragierte Emma also in die Stadt, in der sich das Trauma des unaufgeklärten Verbrechens wie Nebel ausbreitet, sich wie zäher Schleim scheinbar an jeden Einwohner klebt. Es gibt da die vier Freunde Noel, Salva, Rubén und Lucas. Rubén ist Polizist geworden wie sein Vater, man möchte ihn aber nicht um Hilfe bitten müssen: „… was er am Polizeidienst am meisten mochte. Das Adrenalin… Er würde nie öffentlich zugeben, dass er auch manchmal schmutzig spielte. Das Konzept der Glaubwürdigkeit versetzte ihn in eine recht komfortable Position. Er verhielt sich oft so, als wäre er straffrei. Er missbrauchte seine Überlegenheit, wann immer er konnte, und tat dies in vollem Bewusstsein.“ Die anderen drei Freunde haben die Kurve zu mehr Lebenstüchtigkeit nicht gekriegt. Dass sie dafür einen Grund haben, entfaltet die Autorin auf beeindruckende, beängstigende Weise…
Ledicia Costas wurde 1979 in Vigo/Spanien geboren und ist eine bekannte Autorin der zeitgenössischen galicischen Literatur. Ihr Werk wurde in mehr als zehn Sprachen übersetzt und findet international große Anerkennung. Sie war bis jetzt eine Stimme der Kinder- und Jugendliteratur, „Schande“ ist ihr erster Roman für Erwachsene. Übersetzt wurde die wunderbare, auch poetische Sprache der Spanierin von Veronika Kurbanowa, die 1998 in St. Petersburg geboren wurde und in Chemnitz aufwuchs. Sie studierte in Leipzig, wo sie auch lebt, Romanische Sprachen und Translatologie. „Schande“ ist ihr außerordentlich gelungenes Debüt als Übersetzerin.
Ledicia Costas ist eine beobachtungsgenaue Chronistin des menschlichen Zusammenlebens, der großen und kleinen Lebenslügen. Im Städtchen Merlo gibt es viele große. Die Autorin ist ein fein getunter Seismograph und besonderer Sensor der Verhältnisse und deren Brüche. Ihre treffenden Formulierungen geben dem Text seine Spannung. Das Buch wird nennenswert durch die Sinnlichkeit, mit der es erzählt ist; jagend schnell, packend viele Farben und Stimmungen ausbreitend. Es lässt sich nicht reduzieren auf Sätze, de Recht haben wollen, sondern evoziert Bilder, ohne als Hintergrund Erklärungen und Deutungen wortreich mit- oder nachzuliefern.
„Literatur hat das Recht, schöner zu sein als das Leben“, sagte der kürzlich verstorbene niederländische Erzähler Cees Noteboom (*1933). Aber was Literatur vor allem auch muss, erzählt Lucas Emma; seine Lehrerin habe es ihm so vermittelt: „Sie hat mir die echte Literatur nähergebracht, die authentische. Diejenige, die voller Momente ist, die etwas in dir zerbrechen lassen und dir eine Gänsehaut bescheren. Aber nicht nur das. Ich glaube, sie hat mich mehrere Dinge gelehrt, wie die Welt anders zu sehen und dass man das Recht dazu hat, sich aufzuregen.“
Genau solche Literatur ist dieses Buch „Schande“. Es ist ihm ein großes Publikum zu wünschen, denn es ist brennend aktuell. Die Petrischale der kleinen Gemeinde Merlo ist übertragbar auf (zu) viele Orte dieser Welt.
Barbara Kaiser – 09. April 2026